Dem Schicksal versöhnt

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DEM SCHICKSAL VERSÖHNT


Zum “Amor Fati” in Zeiten des Niedergangs


„Optimismus ist Feigheit“ – dieser prägnante, messerscharfe Ausspruch Oswald Spenglers, in seiner Kürze so provokativ wie aussagekräftig, lässt sich wie kaum ein anderes Zitat vom Denker der großen Zyklen und Cäsaren als treffende Konzentration des Kerngehalts seines Werkes und der darin zum Ausdruck kommenden Haltung heranziehen. Trotzdem ist dieses Diktum leider allzu oft falsch verstanden worden, was jedoch ob seiner würzigen Kürze kaum verwunderlich und in Anbetracht seiner radikalen Implikationen unvermeidbar ist. Ohne einen entsprechenden Kontext und ein gewisses Verständnis des geschichtlichen Zusammenhangs, in dem das Zitat entstand, neigt man dazu, in seine positiv formulierte Gleichung ihr negatives Äquivalent hineinzulesen: „Nur Pessimismus ist Mut“. Das wiederum erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich und provozierte einst auch bei mir ein verwirrtes Stirnrunzeln, als ich die Zeile zum ersten Mal außerhalb ihrer inhaltlichen Kontextuierung im letzten Kapitel von „Der Mensch und die Technik“ las. Grund dafür war, dass das Lob des Pessimismus, das mein Unterbewusstsein regelwidrig hineingelesen hatte, in unangenehmer Nähe zum Defätismus steht und es mir nicht eingehen wollte, warum eine negative, zur verbitterten Untätigkeit neigende Haltung einen positiven Effekt auf meine Lage und Sicht der Dinge haben sollte. Soweit mein anfänglicher Irrtum.

Wesentlich treffender erscheint da bereits die Übersetzung Heiner Müllers, „Optimismus ist nur ein Mangel an Information“, und noch besser trifft es Martin Lichtmesz, wenn er Spengler sogar als „Philosophen und Parteigänger des Lebens“ bezeichnet. Dem „konservativen Revolutionär“ ging es nämlich keineswegs um eine im modernen Sinne pessimistische, geschweige denn eine defätistische Haltung zum Leben und Sterben des Einzelnen und ganzer Kulturen, ganz im Gegenteil: Spengler versuchte stets, seine Zeitgenossen, die er als verblendet empfand von 200 Jahren blindem Rationalismus, wachzurütteln, ihren Blick für die unausweichlichen Konstanten des Lebens und der Geschichte zu schärfen und sie damit zum Handeln zu bewegen. Den „Optimist“ verkörpert für ihn sowohl der aufklärerische Rationalist, als auch der Romantiker und insbesondere der materialistische Sozialismus und Kapitalismus. Deren „Feigheit“ besteht für Spengler in ihrer allgemeinen „Flucht vor der Wirklichkeit“ in künstliche, erdachte Utopien und eine „Wut des Organisierens“, die sich aus schierer Angst vor der unerbittlichen Wirklichkeit und ihren Anforderungen an den Menschen in Hoffnungen und Ideale rettet und versucht, Mensch und Geschichte entsprechend dieser Wunschvorstellungen neu zu entwerfen. Dieser geistigen Malaise ist aus seiner Sicht nur beizukommen mit einer gnadenlosen Freilegung und Erkenntnis der großen geschichtlichen und geistigen Zusammenhänge und dem Versuch, zu einer Haltung zu finden, die dieser Wirklichkeit mit Würde und Kraft gegenübertritt – nichts anderes spricht aus Spenglers magnum opus „Der Untergang des Abendlandes“.

Unerbittliches Schicksal

Im Zentrum eines solchen Denkens steht ein Begriff von Schicksal – und zwar ein spezifisch deutscher. In der modernen englischen Sprache hat sich für diesen Begriff kein germanisches Wort erhalten und damit hat sich in jüngster Zeit auch der Schicksalsgedanke in populärer Literatur und Film verändert. „Destiny“ und „Fate“ entstammen dem romanischen Wortschatz bzw. Denken und meinen heute besonders die Vorherbestimmung, also eine Form des Zukünftigen, die dem Einzelnen auferlegt wird und von ihm zu erfüllen ist. Schicksal ist hier vor allem ein Ziel („destination“), das erreicht oder vermieden werden soll. Erst aus dieser Vorstellung resultiert die Erzählung vom modernen „Helden“, der sein Schicksal „überkommt“, anstatt es zu ertragen oder zu akzeptieren. Dem Englischen ist damit ein Stück weit das besondere germanische Verständnis vom Schicksal verloren gegangen, welches sich noch in der angelsächsischen Idee des Wyrd und der lyrischen Zeile „Wyrd bið ful aræd“ („Wyrd bleibt gänzlich unerbittlich“) ausdrückt. Auch einigen isländischen Saga-Helden, wie dem Geächteten Gísli Súrsson, ist diese beinahe stoische Haltung dem Schicksal gegenüber zu eigen: „Jetzt ist es so gekommen, wie ich es geahnt habe, und so wird es ganz nutzlos sein. Auch denke ich, dass das Schicksal dabei mitbestimmt hat.“ Seine nordische Entsprechung findet der Gedanke des Wyrd in der mythischen Figur der Norne Urðr, die neben ihren Schwestern Verðandi („das Werdende“) und Skuld („was werden soll“) gerade für das „Gewordene“ steht. In diesen Begriffen offenbart sich ein ganzheitliches Verständnis von Schicksal, das seinen Blick nicht nur auf das Zukünftige, sondern besonders auf das Gegenwärtige und Erwirkte richtet.

Damit sind wir auch bei dem spezifisch deutschen Begriff „Ge-schick“ oder „Schick-sal“ angelangt. Der Einzelne ist hier nicht als ursprüngliche Wirkung ins Sein hineingehalten, sondern in ihm manifestieren sich bereits die unzähligen, unfassbaren Geschicke – Sendungen, die nicht seiner Herrschaft unterworfen sind – welche jede Facette seines Lebens bedingen. Seine Existenz ist bereits Wyrd, etwas Gewordenes, das alleine durch seine einzigartige Erwirkung bedingt und bestimmt ist. Spengler selbst führt das in „Der Mensch und die Technik aus: „Es [ist] das Schicksal jedes einzelnen, daß er durch seine Geburt nicht nur in diese Weltgeschichte überhaupt versetzt ist, sondern in ein bestimmtes Jahrhundert, ein bestimmtes Land, ein bestimmtes Volkstum, eine bestimmte Religion, einen bestimmten Stand. Wir können nicht wählen, ob wir der Sohn eines ägyptischen Bauern um 3000 v. Chr., eines persischen Königs oder eines heutigen Landstreichers sein wollen. Diesem Schicksal – oder Zufall – hat man sich zu fügen. Es verurteilt zu Lagen, Anschauungen und Leistungen.“

Die drei Göttinnen, die beständig am Schicksalsfaden weben – eine Vorstellung, die dem hellenischen, romanischen, germanischen und slawischen Mythos gleichsam bekannt ist – sind deshalb ein überaus treffendes Bild, um die Gesamtheit des Schicksalhaften zu vergegenwärtigen. Noch treffender, da weniger linear, erscheint jedoch das Bild des Teppichs, der aus unzähligen Schicksalsfäden geknüpft wird und damit die gesamte Geschichte des Seins erzählt. Dieser Teppich ist die Gesamtheit der endlosen kausalen Verknüpfung von Ereignissen, Handlungen und Gedanken, die das stetige Werden des Seins entfalten. Der Einzelne ist dabei nicht nur ein vereinzelter Faden, der mit ihm beginnt und endet, sondern eine Masche irgendwo im kosmischen Gewebe und damit selbst schon das Ergebnis von einem unerfassbaren Netz aus anderen Fäden, Maschen und Verstrickungen. Damit ist Schicksal gerade das Dasein, wie es sich uns konkret darbietet, und das Verhältnis, das der Einzelne zu diesem Sein unterhält. Diesem Geschick bereitwillig sich auszuliefern – das ist Mut in Spenglers Sinn.

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“Alles fließt…”

Liebe zum Untergang?

Mit dieser Erkenntnis ist die große Frage, die ich hier anreißen möchte, jedoch erst gestellt: Was tun, wenn das Schicksal uns in eine grausame Zeit zwischen Ruinen gestellt hat? Wie denken, wie handeln, wenn wir vom Geschick in Umstände geworfen sind, die uns feindlich gesinnt und auf Niedergang gerichtet sind? An dieser Frage kommt keiner vorbei, der in die westliche (Post-)Moderne hinein geboren ist und vor seinen Augen den „Untergang des Abendlandes“ im Feuer der „Weltrevolutionen“ vonstatten gehen sieht. An dieser Frage hat jeder Teil, der sich im Widerspruch zu seiner Umwelt befindet und daran leidet. Die allzu einfache Antwort läge in fader Indifferenz und tatenlosem Defätismus, doch das sind Formen des Nihilismus, die uns hier nicht interessieren. Stattdessen fragen wir uns: Ist die ehrlich empfundene Liebe zu diesem Schicksal möglich? Dieses unbedingte „Ja!“ zum Leben in seiner bestimmten Form, der „amor fati“ Friedrich Nietzsches, den er in „Die fröhliche Wissenschaftfolgendermaßen beschreibt: „Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Hässliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, Alles in Allem und Großen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-sagender sein!“

Der erste Schritt zu einem solchen Verhältnis zum Schicksal ist mit der Einsicht in die Gewaltigkeit, Unerbittlichkeit und Tragik des zyklischen Seins getan. Das ist die große seelische Herausforderung, vor die jeder junge Mensch gestellt ist, der beginnt, sich in die großen Zusammenhänge von Kosmos und Geschichte einzuordnen, und seit Äonen versuchen die großen Mythen aller Geschlechter, ihm dabei mit einer Kräfte spendenden Erzählung zur Seite zu stehen. Spengler hat mit seinem magnum opus versucht, jene Einsicht anhand der zyklischen Historie der großen Kulturen nachzuvollziehen. Nietzsche hat sie, ein wenig poetischer, in seiner Idee der Ewigen Wiederkunft formuliert: „Alles geht, Alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt, Alles blüht wieder auf, ewig läuft das Jahr des Seins. Alles bricht, Alles wird neu gefügt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, Alles grüsst sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.“ Alles was wir tun, ist bereits von anderen getan worden. Alles Leid, das wir ertragen, ist bereits von anderen erlitten worden und wird notwendigerweise wieder erlitten werden.

Für einen einfachen, flacheren Geist mag solche Erkenntnis niederschmetternd oder hoffnungslos erscheinen. Für eine starke, vom Willen zu Macht und Leben erfüllte Seele jedoch kann sie einen Quell des Mutes darstellen. Denn in dieser Einordnung des Einzelnen in ein gewaltiges Schicksal liegt Aufgabe und Verantwortung begründet. Wer davor in träumerische Utopie oder feige Selbstaufgabe flüchtet, wird denen nicht gerecht, die ihrem Geschick mit erhobenem Haupt und glühendem Blick entgegen getreten sind und wieder entgegen treten werden. Denn auch wenn alle am selben großen Schicksal teilhaben, hat doch jeder Einzelne mit seinem ganz bestimmten, unverwechselbaren Geschick zu ringen, das so nur ihm alleine anvertraut ist – Es gibt nie ein anderes! Und auch wenn wir unerbittlich ins Dasein gestellt sind (Urðr) und an ewiger Wiederkunft teilnehmen, so liegt es doch allein an uns, wie unser Anteil daran auszusehen hat. Die Zukunft (Skuld) steht niemals in bestimmter Gestalt fest. Sie entfaltet sich im Hier und Jetzt (Verðandi) und auch wenn der Niedergang als große Tendenz vorgezeichnet ist, so ist doch nicht gesetzt, wann und wie genau er sich vollzieht und vor allem nicht, was am Ende übrig bleibt und in einen neuen Zyklus hinüber gerettet werden kann. Denn auch solche Rettungen haben sich in jedem Untergang vollzogen. Im Einzelnen überschneiden sich also der große Wurf des Schicksals und die Gelegenheit zur konkreten Schöpfung, die mutig angetreten werden muss.

Niederhalter des Chaos

Ich will noch ein weiteres Gleichnis bemühen, um diese „Versöhnung mit dem Schicksal“ im Angesicht des Niedergangs zu verdeutlichen: Die Thermodynamik kennt die Größe der Entropie, die oft als „Unordnung“ der atomaren Prozesse beschrieben wird und innerhalb eines geschlossenen Systems niemals abnehmen kann. Auf die größtmögliche kosmische Ebene übertragen, könnte aus dieser Beobachtung gefolgert werden, dass sich das gesamte Universum als geschlossenes thermodynamisches System in einem ständigen Prozess des Unordentlich-Werdens befinden müsse. Das ultimative „Ziel“ der kosmischen Abläufe wäre demnach ein allgegenwärtiges Chaos, in dem keine konkreten Ordnungen und insbesondere kein Leben in unserem Sinne mehr möglich wären. Die Erde und das Leben auf ihr müssten dann lediglich als filigrane Momentaufnahmen und als einzigartiger Zufall innerhalb dieses gewaltigen Prozesses aufgefasst werden und wären letztlich zum Vergehen im universalen Chaos verurteilt. „Chaos“ bedeutet in diesem Zusammenhang interessanterweise nicht ein heraklitisches, wütendes Toben entgegengesetzter Kräfte, sondern vielmehr ein formloses, endgültiges Ruhen in völliger Durchmischung der Substanzen.

Eine solche, an die Metaphysik grenzende Deutung der Entropie ist heute vor allem außerhalb der Naturwissenschaften beliebt und diente z.B. als Inspiration für Harry Martinsons dystopisches Gedichtepos „Aniara“, der die lebensschöpfende Kraft der Erde die „Gyralität“ nennt. Auf unsere Zusammenhänge übertragen könnten wir also die endlose Wiederkehr von Aufstieg und Zerfall großer Kulturen als Ausdruck eines ewigen, erbarmungslosen Drangs zum Chaos begreifen, innerhalb dessen die lebendige Blüte eines Volkes oder einer Kultur eine einzigartige Ausnahme darstellt, in der für wenige Jahrhunderte der Marsch zum Schlund Tiamats aufgehalten wird. Von solchem Blickwinkel aus wäre dann der Niedergang als Schicksal keine furchtbare Strafe, sondern nur die unausweichliche Rückkehr zur Grundsubstanz des Seins und jedes Aufbäumen des formenden Willens zur Macht, der in einer Kultur zum Ausdruck kommt, ein Sieg des Lebens. Dieser Kultur käme dann die Rolle des Schmittschen Katechon zu – ein „Niederhalter“ von Unordnung und Zerfall, der durch seine Taten das unabwendbare Ende noch ein Stück weiter hinauszögert. Und eben diese Rolle könnten wir auch als Einzelne übernehmen: die Entropie der Kulturen als großes Schicksal annehmen und darin die Aufgabe erkennen, mit unserem eigenen Geschick den Verfall noch ein wenig länger aufzuhalten und dadurch einen kleinen, persönlichen Sieg für das Leben in seiner konkreten Gestalt zu erringen.

Heroische Tragik

Worauf es schlussendlich ankommen wird, ist die persönliche Haltung. Im Angesicht des Niedergangs auszuharren und auf seinem Posten zu bleiben, das erfordert Willen zur Macht und Liebe zur Tragik. Es ist die Tragik des Achill, der das kurze, ruhmreiche Leben dem langen, ruhmlosen vorzieht; der Antigone, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes Wohl auf der sakralen Ordnung beharrt; der burgundischen Nibelungentreue, die selbst in flammender Umzinglung nicht zurückweicht; des „Hier stehe ich und kann nicht anders!“. In solcher Haltung versöhnt sich die Einsicht in das Unausweichliche, Schicksalhafte mit dem schöpferischen Drang, der Welt den eigenen Stempel aufzudrücken und Form zu bewahren. Das letzte Wort gebührt schließlich auch hier Oswald Spengler, der das wohl eindrucksvollste Bild für diesen tragischen Stil gefunden hat: „Ausharren wie jener römische Soldat, dessen Gebeine man vor einem Tor in Pompeji gefunden hat, der starb, weil man beim Ausbruch des Vesuv vergessen hatte, ihn abzulösen. Das ist Größe, das heißt Rasse haben. Dieses ehrliche Ende ist das einzige, das man dem Menschen nicht nehmen kann.“

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