Der Fährtensucher – Teil I: Hinführung

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DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues


Hinführung


Mit leichtem Schritt scheint der junge Mensch der heutigen Tage durch die Welt zu schreiten. Das Leben treibt ihn vor sich her, seine sanfte Flut spült ihn von Ufer zu Ufer, von Gelegenheit zu Gelegenheit. Kaum etwas scheint ihn zu binden an Ort, Zeit oder Gefährten; er verharrt nur mehr um zu beschauen, zu genießen, zu belächeln; tänzelnd dreht er sich im Kreise. Doch dieser Schein trügt! Von Leichtigkeit im Herzen ist kaum etwas zu ahnen, wenn angstvolle junge Augen mit Halt- und Ratlosigkeit in die Zukunft blicken. Die Fülle der Möglichkeiten, das schier unendliche Angebot der entgrenzten Horizonte erscheint dem ungeschliffenen Herzen mehr als Bedrohung denn als Befreiung. Mit ihnen einher geht die kalt mechanische Forderung nach dem Ergreifen aller Möglichkeiten, der Nutzbarmachung jeder Ressource und dem möglichst effektiven Streben nach Zielen, die niemand benennen will. Einem der Erde fest verbundenen Wunsch nach Bindung, Halt und Ziel stehen schillernde Trugbilder gegenüber, welche mit süßen Zungen stets die Negation dessen preisen, was das menschliche Herz zu jeder Zeit und an jedem Ort zu einer starken Größe geführt hat – zum Vorteil unsichtbarer Feinde, die keiner kennen will. Dann werden Beständigkeit, Kraft und Konzentration zur Sünde und das freie, konturlose Dahinschwinden ins Nichts zur Erlösung erklärt.

Die verlassene Generation

Mit schwerem Schritt, die Augen auf den Boden geheftet, das Gesicht grübelnd zur Grimasse verzogen wandelt tatsächlich der große Teil der jungen Generation Europas, als miese bewaffnete Vorhut des 21. Jahrhunderts, durch die Gräben eines Schlachtfelds, das längst nicht mehr von Feuer, Grauen und Blut gepflügt wird, sondern vielmehr in all den grellen Farben erstrahlt, welche die Welt zu bieten hat. Diejenigen, die dabei weiterhin den Tänzer mimen und die Maske der befreiten Sorglosigkeit tragen, unterschieden sich von jenen nur dadurch, dass sie die Verwirrung leugnen, indem sie ihr neue Namen geben oder bewusst ihre Wahrnehmung betäuben – sei es aus Feigheit, Faulheit oder bloßem Selbstschutz. Selbstverständlich sind auch wir uns dabei bewusst, dass unendlich viele junge Generationen vor der unseren ein ähnliches Schicksal zu teilen hatten, nicht selten verbunden mit unmittelbarer physischer Bedrohung und weitaus größerer Gefahr für Leib und Seele, als dies heute der Fall sein mag. Und doch ist unverkennbar, dass den armseligen Frontschweinen des Zeitalters von entfesseltem Fortschritt, weltumspannendem Liberalismus und Entgrenzung von Himmel und Erde etwas abhanden gekommen ist, was vorangegangene Generationen noch geteilt haben mögen: nämlich die echte Rückbindung an die unerschöpflichen Kraftquellen der Seele, welche die Tradition mit dem Blut und Schweiß zahlloser Generationen aus dem chaotischen Wuchern menschlichen Empfindens herausgearbeitet hat.

Ich spreche von der stärkenden Erinnerung an das Vorangegangene, Sinnstiftende – so von der beruhigenden Erkenntnis, die einen jungen Menschen überkommen mag, wenn er die Worte eines alten Dichters liest und in deren Fragen und Suchen seine eigenen Ängste, Hoffnungen und Sehnsüchte wiedererkennt; ebenso von dem klaren Blickwinkel, der gewonnen wird, wenn wir unsere Wirklichkeit an den zahlreichen Weisheiten der früheren Denker messen und so in unserer Wahrnehmung bekräftigt und dadurch bewegt werden, mit Mut nach vorn zu sehen. Wo diese Fähigkeit zum Rückblick und zur Selbstvergewisserung verloren gegangen ist, dort wird der junge Mensch schwach und anfällig für jede süße Verheißung, die neue Schöpfung verspricht und doch nur zerstören will. Ohne eine solche Rückbindung ist jeder „Fortschritt“ kein wahres Fortschreiten, vielmehr ein immer schnelleres Hinfort-hasten, jede Forderung nach Veränderung bloße Angst vor dem Bestehenden, jeder Aufbruch zu den Sternen nur eine Flucht vor der Erde.

Will der junge Europäer des 21. Jahrhunderts also die Kraft finden, seine Stirn zu heben und mit sicherem Schritt und glühendem Blick in die Zukunft vorzudringen, wird er aus eigener Macht jene Quellen der Kraft neu ausschöpfen müssen – von der Generation seiner Eltern kann er hier kaum mehr Hilfe erwarten. Er ist vielmehr auf sich alleine gestellt in einer widrigen Welt, die ihn vor allem als Objekt einer „höheren“, unmenschlicheren Ordnung wahrnimmt und seine ureigenen Interessen leugnet und missachtet. Er muss schließlich als Einzelner den Waldgang wagen, muss in sich selbst den Widerstand suchen und diesen mit Maß und Stil nach außen tragen. Dies kann auf mannigfaltige Weise geschehen und ebenso mannigfaltig und verschiedenartig werden die Quellen sein, aus denen er neue Bestimmung schöpft. Ich will mich deshalb an dieser Stelle konzentrieren auf den einen Urquell des Geistes, der nach meiner Überzeugung direkt am Keim menschlicher Empfindsamkeit ansetzt und damit zu jeder Zeit und in jedem Geschlecht das Fundament von Tradition und Sinnstiftung ausmachte: Nennen wir ihn an dieser Stelle den Glauben, oder die Spiritualität.

Kraft durch Sinn

Eine abschließende Bestimmung dieser Begriffe, die hier synonym verwendet werden, ist dabei weder hier, noch an anderer Stelle möglich und soll nicht das Ziel sein. Eigens ist dem Glauben jedenfalls, dass er dort, wo er aufrichtig und überzeugt empfunden wird, stets eine allumfassende Wirkung entfaltet. Er bildet ein Fundament, auf dem alle Formen des Lebens fußen und zu dem sie stets zurückkehren können, um Selbstvergewisserung und Kraft zu schöpfen. Der Glaube in seiner gröbsten Definition ist somit eine Art geistiger Haltung, vergleichbar mit dem aufrechten körperlichen Gang oder dem seelischen Selbstvertrauen. Zu dieser erhabenen Haltung zurück zu finden und so ein allumfassendes geistiges Handwerkszeug zu erlangen, um den gewaltigen Fragestellungen entgegen zu treten, die sich dem jungen Menschen in den Weg und ihn selbst in Frage stellen, soll das Ziel einer Rückkehr zur Spiritualität sein. Sie ist dabei gleichermaßen ein Zurückkehren zu alten Formen, indem diese als Muster und Vorbilder fruchtbar gemacht werden, wie auch die Schaffung eines neuen, eigenen Stils, der den Forderungen und Gefahren der Zeit angemessen ist – der Versuch einer Annäherung an Altes und Neues.

Nun haben sich über Form und Inhalt des Glaubens bereits seit Jahrtausenden die weisesten Geister die Köpfe zerbrochen und dabei die unterschiedlichsten Erkenntnisse zu Tage gefördert. In diese Tradition mich einzureihen, will ich mir hier keinesfalls anmaßen. Denn woran es dem jungen Europäer des 21. Jahrhunderts mangelt, sind sicherlich nicht die theoretischen Erkenntnisquellen, sondern vielmehr der praktische und unmittelbare Zugang zu einem umfassenden spirituellen Empfinden, das tatsächlich aus ihm selbst entspringt. Wir müssen uns deshalb auf die Suche begeben nach grundlegenden Begrifflichkeiten und Eckpfeilern, die im täglichen Umgang mit der Welt zu einer Wiederentdeckung der spirituellen Haltung führen können.

Von diesen Begriffen, die tatsächlich als praktische Hilfsmittel für den Einzelnen zu verstehen sind, soll hier die Rede sein. Dabei soll gerade nicht eine bestimmte Tradition des Glaubens im Vordergrund stehen oder exemplarisch herangezogen werden. Wir wollen stattdessen an der Wurzel ansetzen und versuchen, Seele und Geist in einen Zustand der Bereitschaft zu versetzen und möglicherweise auf die Ankunft des Göttlichen vorzubereiten. Selbstverständlich dienen dabei die verschiedenen spirituellen Traditionen Europas und anderer Menschengeschlechter als Erkenntnisquellen. Ob uns der eingeschlagene Weg aber schließlich zu ihnen zurückführt, soll hier offen bleiben. Ergänzend sei hinzugefügt, dass der Autor dieser Zeilen seine Prägung hauptsächlich durch die ursprünglichen, polytheistisch bestimmten Traditionen Europas erfahren hat und deren Begriffen entsprechend näher steht. Der christliche Glaube spielt indes keine vordergründige Rolle, wenngleich er in seiner katholischen Ausprägung zweifelsohne gewisse Spuren hinterlassen hat.

⇒ Weiterlesen in Teil II: Natur

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