Zornige Romantik – Teil I

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ZORNIGE ROMANTIK

“Black Metal” als lebendiger Ausdruck europäischer Musikkultur


I.


Es gehört zu den eingeschliffenen Argumentationstopoi konservativer und identitärer Kreise, dem Europa der Nachkriegszeit nicht nur auf politischer sondern insbesondere auf kultureller Ebene ein besonderes Maß an Trägheit, Stagnation und Verfall zu attestieren. Diese Kritik speist sich aus der berechtigten Erkenntnis einer besonderen Armut an kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen, die in Größe, Schönheit und Strahlkraft noch an die gewaltigen kulturellen Schätze des 19. und frühen 20. Jahrhunderts anknüpfen oder diese gar überbieten könnten. „Seit Jahrzehnten keine neue philosophische Schule, kein neuer Musikstil, keine neue Architektur!“ tönt es daher immer wieder aus verschiedenen Richtungen und in der Tat muss, wer gern etwas auf diese Klage erwidern möchte, erst einmal tief in sich gehen und mit gerunzelter Stirn langsam an den Fingern abzählen, was die letzten sieben Jahrzehnte so an wahrhaft beständigen kulturellen Leistungen hervorgebracht haben.

Und selbst wenn nach einiger Zeit etwas zu Verfechtendes gefunden ist, steht dieses mit großer Wahrscheinlichkeit im Schatten von widerwärtigen Plattenbauten, umwoben von einer Kakophonie aus Schlagermusik und drangsaliert von geifernden Parolen der post-68er „Intellektuellen“. Allzu deutlich ist dann der tiefe Riss, der uns heute vom Zeitalter der „Dichter und Denker“ trennt, welches, selbst in seiner tiefsten Krise, zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch eine schillernde Kultur aus Künstlern und Visionären hervorbringen konnte, die auch im öffentlichen Raum als solche wahrgenommen wurden und wirken konnten. Zweifellos werden uns dann zwar nach und nach immer mehr Namen einfallen, die es irgendwie wert wären, in einem Atemzug mit den großen Vorbildern genannt zu werden; doch auch damit ist jener Riss nicht mehr zu schließen.

Kulturherrschaft der Masse

Offensichtlich bleibt nämlich, dass es unserer Zeit vor allem an der kulturellen Bereitschaft und Bildung fehlt, die es einem Kollektiv von gleichgesinnten Denkern oder Künstlern ermöglicht, über den kleinen Kreis hinaus wirksam zu werden, den gemeinsamen Gedanken im öffentlichen Raum zu verfestigen, zu verankern und so als neue „Schule“ eine andauernde Wirkung zu entfalten. So fehlt es dem Deutschland der Nachkriegszeit beispielsweise vollkommen an einer Dichterkultur, die außerhalb kleiner Zirkel wahrnehmbar wäre. Gerade dieser Mangel ist bedauerlich im Angesicht der Blüte, zu der die deutsche Sprache noch zu Weimarer Zeiten gelangte. Stattdessen hat heute die Masse die Deutungshoheit an sich gerissen über das, was an Lebensformen zu bewahren sei, und damit letztlich denjenigen die kulturelle Entscheidungsmacht anvertraut, die die Mengen am geschicktesten zu lenken und zu nutzen wissen. So ist heute vor allem das Denken von Bedeutung, das die Masse mit süßer Moral ruhig stellt; der Baustil, der den Massen billigen Wohnraum schafft; die Musik, die von der Masse am leichtesten zu schlucken und zu verdauen ist.

Und doch wäre es ein Irrtum, davon auszugehen, dass unser Europa heute keinerlei schöpferische Geister mehr hervorzubringen vermag oder diese bereits völlig in der Menge ertrunken wären. Umso interessanter ist es nämlich, zu beobachten, welche rohen Diamanten die Ströme der Massen am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder zu Tage fördern. So zeichnet sich mittlerweile, beschleunigt und amplifiziert durch die „digitale Revolution“, eine neue Facette jener Kultur der Viel-zu-Vielen ab: Spätestens ab den 70er und 80er Jahren ist in der Jugendkultur eine zunehmende Zersplitterung zu beobachten, die in den letzten Jahrzehnten zu einem undurchschaubaren Sumpf an verschiedensten Subkulturen, Kleidungs- und Musikstilen sowie Weltanschauungen unter jungen Europäern geführt hat. Diese fortschreitende Atomisierung und Vereinzelung der jungen Gesellschaft ist die verblüffende Kehrseite der Kultur der Massen: Während der öffentliche Raum von einer vergleichsweise kleinen Menge an vertretbaren Meinungen, Lebens- und Kunstformen beherrscht wird, florieren unter der Oberfläche mehr denn je zuvor kleine, schnelllebige Zirkel, welche von Zeit zu Zeit vom „Mainstream“ entdeckt und an die Oberfläche gezerrt werden, um daraufhin schnell auszusterben und durch einen neuen Stil ersetzt zu werden.

Neue Möglichkeiten im Zeitalter der Subkulturen

All dies hat zum Effekt, dass heute zwar kaum mehr ein einzelner Genius oder eine neue Schule den öffentlichen Raum so weit erobern können, um Kunst und Kultur nachhaltig und auf hohem Niveau zu prägen. Auf der anderen Seite ist es nunmehr für eine gewaltige Anzahl von Menschen so einfach wie nie zuvor, Kunst zu erschaffen und eigene Stilrichtungen zu prägen, wobei diese nur in wenigen Fällen ein hohes Niveau erreichen und in den wenigsten mit Beständigkeit gesegnet sind. Entsprechend groß ist auch die Bandbreite solcher Subkultur-Stile. Prägend sind dabei vor allem jene „Kulturlandschaften“, die sich um einen bestimmten Musikstil formieren. Diese bilden nicht länger nur eine lose Gemeinschaft aus verschiedenen Personen mit ähnlichem Geschmack, sondern sind oft definiert durch einen charakteristischen Kleidungsstil, spezifische Sprache und nicht selten ganze Weltanschauungen, durch die der Jugendliche bis ins Erwachsenenalter nachhaltig in seiner Wahrnehmung und Persönlichkeit geprägt wird.

Eine dieser ganzheitlich ausgerichteten Subkulturen, die in ihrer äußeren Erscheinung und inneren Ausrichtung in besonderem Maße auffällig und interessant erscheint, ist der sog. „Black Metal“. In den frühen 80er Jahren als Spielart der damals florierenden Heavy Metal und Hardcore Punk Kultur entstanden, machte dieser Musikstil anfangs vor allem durch seine extrem minimalistische Aufnahmequalität, aggressive und disharmonische Spielweise sowie düstere und provokante Selbstdarstellung auf sich aufmerksam. Diese neue Form des Extremen inspirierte in den folgenden Jahren zahlreiche junge Musiker, vor allem in Mittel- und Nordeuropa, eine ähnlich primitive und rücksichtslose Ausdrucksweise für ihre Musik zu wählen. Der so entstandene Stil wurde schließlich zu Beginn der 90er Jahre durch die sog. „zweite Welle“ des Black Metal auf ein neues musikalisches und inhaltliches Niveau gehoben und gelangte damit zu weltweiter Aufmerksamkeit. Auch heute, 30 Jahre nach dem ursprünglichen Wirken der ersten Pioniere, haftet dieser Subkultur immer noch ein Eindruck des Extremen und Verbotenen an. Auch wenn der Mainstream längst gelernt hat, Profit aus ihm zu ziehen, entfaltet der Black Metal weiterhin eine besondere Anziehungskraft auf einen kleinen Kreis junger Menschen, der Sinnhaftigkeit jenseits der massenhaften Spaß- und Betäubungskultur sucht. Welche inhaltliche und stilistische Reife die Musik dabei mittlerweile erlangt hat und warum dieses Phänomen besonders für die eingangs erwähnten Kritiker zeitgenössischer Kultur von Interesse sein könnte, soll im Folgenden näher betrachtet werden.

⇒ Weiterlesen in Teil II

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