Der Fährtensucher – Teil II: Natur

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DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues

⇒ Teil I: Hinführung


Natur


Wer sich die Gretchenfrage des Glaubens stellt, der sieht sich unweigerlich konfrontiert mit der Frage nach Gott. Verbunden mit dieser unbarmherzigsten aller Fragen sind Gedanken über Schicksal und Fügung der Welt im Ganzen, über ihren Ursprung, ihr Ziel und die Sinnhaftigkeit des menschlichen Lebens in ihr. Der Geist, verzweifelt im Suchen nach gültigen Antworten, strebt dann in unerhörte Höhen und Tiefen – zurück zum Anbeginn der Zeit, voran zum Ende aller Tage, hinauf zu den Sternen und hinab in den Schlund der Erde. Kurzum: Nach Gott zu fragen bedeutet, das Transzendente herauszufordern. Früher einmal mag mit diesem Fragen eine Art von Würde, ein fürstliches Privileg verknüpft gewesen sein. Heute werden billige Antworten aus zweiter und dritter Hand an jeder Straßenecke feil gehalten. Zur einen Seite leugnet der Atheist mit süffisantem Grienen die Fragestellung an sich, zur anderen versucht der Priester händeringend seine erlernten Antworten in die Sprache der Atheisten zu übersetzen. Zwischen ihnen tummelt sich die bunte Menge, für die Frage und Antwort zum exotischen Zeitvertreib verkommen sind.

Am Grab Gottes

Wir befinden uns heute in einem Zustand, der keine umfassende Deutung des Transzendenten mehr zulassen wird. Mag auch der Einzelne selbst befriedigende Lösungen finden, verblasst doch jeder Anspruch auf universelle Geltung im Kaleidoskop der ungezählten Erlösungsversprechen, die heute um die Gunst des Volkes buhlen. Doch was ist schon eine Idee des Transzendenten wert, die nur in Relativität und Bescheidenheit Bestand haben kann? Es ist also womöglich der falsche Zeitpunkt, um die Frage nach Gott in überlieferter Manier zu stellen. „Gott ist todt!“ lässt Friedrich Nietzsche seinen „tollen Menschen“ ausrufen und es liegt Wahres in diesem ach so oft rezitierten Satz. Wer ihn einmal vernommen und verstanden hat, kann seine vernichtenden Implikationen nicht mit einem Augenzwinkern beiseite wischen. Hinter jene Linie gibt es kein Zurück mehr. Es scheint mir deshalb nun die Zeit gekommen, einen respektvollen Schritt von den Göttern zurück zu treten, das forschende Auge von Ihrer Gestalt abzuwenden und stattdessen wieder Ausschau zu halten nach der eigentlichen Geburtsstätte aller Idole und Ikonen: dem Göttlichen an sich. Wir wollen dieses Göttliche Prinzip begreifen als das den Menschen von sich aus Überragende und können so auch ohne Umschweife seine uralte Heimstätte identifizieren: Es ist die Natur.

Es muss außer Frage stehen, dass Furcht und Verehrung nichtmenschlicher Kräfte bei allen Geschlechtern einst aus der Konfrontation mit ihren jeweiligen Lebenswelten und deren Bedingungen und Forderungen an den Menschen entstanden. Dies wird umso klarer, wenn einmal die heutigen „Weltreligionen“, also vor allem der Eingötterglaube nach hebräischem Vorbild, als die relativ jungen Ausnahmeerscheinungen begriffen werden, welche sie im Angesicht von zigtausenden Jahren menschlichen Lebens und Glaubens darstellen. Bevor die Götter auch die Sphäre der Moral oder sogar des Rechts für sich beanspruchten, ihr Sein sich also aus dem rein Menschlichen und Geistigen speiste, waren sie Wesen der Natur und des Körpers. Und das aus gutem Grunde: Die Natur nämlich ist es, die dem Menschen seit jeher vorgelagert ist und zu der er sich seit den ersten Momenten seiner Selbsterkenntnis in Beziehung setzen musste, um Sinnhaftigkeit jenseits der Instinkte zu finden. Die Natur überragt den Menschen in Zeit und Raum und an dieser Grundbedingung ist auch bis heute nicht zu rütteln. Auch wenn wir durch die Technik unsere Lebensspanne künstlich verlängern, die natürlichen Ressourcen zu unserem Nutzgut machen und uns über die Gesetze der Erde hinwegsetzen, so steht der Mensch an sich doch kein Stück mehr über der Natur als in den Tagen seiner Kindheit. Seiner unzähligen technischen und sozialen Gehhilfen beraubt, bleibt sein kleines Leben nackt, schutzlos und unbedeutend inmitten einer natürlichen Welt, die seiner Existenz völlig gleichgültig gegenübersteht.1

Vom Göttlichen sprechen

Doch wovon sprechen wir eigentlich, wenn wir wieder und wieder den Begriff der „Natur“ beschwören? Zuallererst steht dieses Wort im heutigen Sprachgebrauch wohl für die Gesamtheit des Planeten Erde, also sowohl die unbelebten Elemente als auch die Lebewesen in aller Fülle der Tier- und Pflanzenwelt. Es umfasst den tief raunenden Ur-Wald, den Sturm, der mit Blitz und Donner den Himmel spaltet, das titanisch thronende Gebirge, die ewig schwellende See ebenso wie den Gesang der Vögel, das lechzende Rudel Wölfe oder den einsam schreitenden Rothirsch. Damit ist jedoch nur die Oberfläche berührt und nur die erste Assoziation hervorgerufen, wie sie vom großen Teil der Menschen noch geteilt wird. Wenn wir aber hinter dieses Meer aus Formen blicken, erkennen wir im Begriff der Natur vor allem die Summe verschiedener Gesetzmäßigkeiten, welche uns als ewige Grundbedingungen des Lebens erscheinen. Wo einst die Milesier nach der unerschütterlichen ρχή, dem Urstoff der Welt, suchten, versuchen heute die modernen Naturwissenschaften, jene Gesetzmäßigkeiten durch Abstraktion und Mathematik zu beschreiben. Bedeutsamer jedoch als diese Spaltung der Natur in ihre kleinsten Bestandteile ist für uns das Erkennen der großen Zusammenhänge, die in allen sichtbaren Formen wirken: Ein solcher ist zweifelsohne der immerwährende Kreislauf des Anschwellens und Vergehens allen Lebens, wie er durch den Zyklus der Jahreszeiten im Großen sich offenbart und in jedem menschlichen Leben im Kleinen sich vollendet. Die bewusste Auseinandersetzung mit Tod und Wiedergeburt mag einst die erste spirituelle Erfahrung des jungen Menschengeschlechts gewesen sein. So gehören die Bestattungsrituale zu den ältesten sichtbaren Zeugnissen eines Denkens und Fühlens, welches über sein eigenes, begrenztes Sein hinaus gerichtet ist. Die großen Mythen erzählen von Aufstieg, Niedergang und Neugeburt der Götter und selbst die jährlichen Festtage des säkularisierten Christentums repräsentieren noch zum größten Teil eine Auseinandersetzung mit diesen Phänomenen – die Natur spiegelt sich dort lediglich im Leben des Heiligen.

Wir sehen also, dass sich unser Verständnis der Natur vor allem auf dasjenige bezieht, was unbeeinflusst von menschlicher Hand besteht: Orte und Wesen, die noch ungebändigt von seinem Willen fortleben, in denen Gesetze und Zustände wirken, die keinem menschlichen Geist entsprungen sind. Die Grenzen eines solchen Verständnisses werden allerdings dort offenbar, wo der Mensch beginnt, die Natur gezielt einzuhegen und in ihre Abläufe einzugreifen. So mag aus unserer Sicht selbst der antike oder mittelalterliche Mensch noch „im Einklang mit der Natur“ gelebt haben, obwohl jener schon längst durch gezielte Manipulation und Benutzung der natürlichen Bestände sein Überleben gestaltete. Die Linie, an der sich die Begrifflichkeiten scheiden, zerfließt ständig in Raum und Zeit. Wo uns ein gehegter Forst heute noch als blühendes Zeichen der Natur gelten mag, vermindert sich dieser Eindruck bereits beim Anblick einer Viehherde auf bestellter Weide oder kunstvoll drapierter Gärten und Parks. Spätestens in den Herzen unserer stählernen Städte ist jene fließende Grenze zwischen den Welten der alten Götter und des Menschen überschritten. Wir sind nicht mehr bereit, die Natur dort zu sehen, wo die Willkür des Menschen sie zu stark in seine eigenen Formen gepresst hat. Wie so oft ist dies aber nur eine Frage von Maß und Blickwinkel.

Mensch und Natur

Tatsächlich würde es einen fatalen Irrtum darstellen, den Menschen schlicht aus dem Kreise der Natur auszuschließen. Selbstverständlich ist auch er ohne ein fremdes Eingreifen2 aus ihrem Schoße hervorgegangen und auch in ihm wirken weiterhin die ewigen Gesetze, die er in seiner Umwelt erkennt. Und gehört es dabei nicht geradezu zur „Natur des Menschen“, dass er als einziges Lebewesen derart verändernd, schöpfend und vernichtend in die Natur eingreift und damit die Grenzen überschreitet, welche jene seinem Körper gesetzt hat? Wenngleich sich ihre Zielrichtungen von Grund auf unterscheiden, lassen sich letztlich sowohl Technik als auch Kunst zu diesem Kernbestand des Menschlichen zurückverfolgen. Die Auseinandersetzung des Menschen mit der (bzw. seiner) Natur und die damit einhergehende Erkenntnis der eigenen Schwäche und Vergänglichkeit machen ihn zum „Zweitschöpfer“: Wo die Kunst auf Harmonie sinnt, strebt die Technik nach Macht – ein Verständnis, das auch der neuen Mythologie von John R. R. Tolkien zugrunde liegt, mit welcher dieser dem europäischen Mythos und seiner Sprache im 20. Jahrhundert ein unvergleichliches Denkmal gesetzt hat.3 Unsere Auseinandersetzung mit der Natur findet also auf mindestens zwei Ebenen statt, die einander ergänzen müssen: Zum einen betrachten wir uns als abgetrennt vom Rest der natürlichen Welt und müssen deshalb stetig bewerten, inwiefern diese Welt Bedeutung für uns entfaltet und inwieweit uns die zunehmenden Angriffe des Menschen auf die Umwelt vertretbar erscheinen.4 Zum anderen müssen wir uns als Teil jener natürlichen Welt begreifen und für unsere Stellung in ihr Verantwortung übernehmen, indem wir ihre Gesetze und Windungen auch in uns erkennen und diese verinnerlichen.

Für uns bedeutet all dies, das wir Göttlichkeit nicht lediglich außerhalb und jenseits des Menschen finden können, sondern auch und insbesondere in uns selbst. Nichts anderes verkörpern die anthropomorphen Gestalten, auf welche die meisten Traditionen des Glaubens ihre Vorstellung des Göttlichen projizieren und die uns als Akteure und Helden der großen Mythen bekannt sind. Nichts anderes zeigt sich in den Versen der isländischen Dichter, die Mann und Frau zu poetischen Abbildern ihrer Götter und Göttinnen machen. So spiegelt sich die Natur im Menschen und der Mensch in der Natur, wenn ein Volk im Gott des Donners sowohl die ungebändigte Naturkraft als auch männliche Stärke und Vitalität verehrt. Auf diesem Wege wird auch die fruchtbare Erde zur „großen Mutter“ und Verkörperung weiblicher Liebe und Sorge. Wir finden das Göttliche also in Himmel, Erde, Flamme, Sturm, Licht und Dunkelheit genauso wie in Mann und Frau, Leben und Sterben, Liebe und Hass. Wenn wir uns nun an unsere ursprüngliche Definition des Göttlichen erinnern, so gelangen wir zu dem scheinbar widersprüchlichen Schluss, dass auch das Menschliche den Menschen von sich aus überrage. In diesem Paradoxon verbirgt sich jedoch bereits eine grundlegende Erkenntnis über unser Verhältnis zu uns selbst und damit auch zu Gott: Der Mensch nämlich ist stets Einzelner und seiner individuellen Prägung durch Zeit und Umstände unterworfen. Wagt er jedoch den Blick über sich hinaus in die Höhen und Tiefen menschlichen Sinnens und Handelns, so können sich ihm die ungeteilten, über-individuellen Eigenschaften und Gesetzmäßigkeiten offenbaren, die sein Menschsein konstituieren und ihn als mündigen Teil der natürlichen Welt auszeichnen.

Waldgänger und Fährtensucher

Will der junge Europäer seinen Weg zurück zum Glauben finden, muss er also im doppelten Sinne zum „Waldgänger“ werden: Er muss im Sinne Ernst Jüngers lernen, beizeiten das „Schiff“ des zeitgebundenen, alltäglichen Lebens zu verlassen und im „Wald“ dem überzeitlichen, unveräußerlichen Menschen zu begegnen, um so den Katastrophen – den „Schiffbrüchen“ – ohne Furcht ins Auge blicken zu können.5 Er muss dazu auch in unserem Sinne den tatsächlichen Wald aufsuchen und sein Empfinden in Einklang bringen mit der Natur, die ihn umgibt und durchdringt. In den steinernen Herzen unserer Städte ist diese Harmonie bereits zum dumpfen Hintergrundrauschen abgesunken. Der Typus, den wir erwarten und erhoffen, ist einer, der in der Natur nach den Spuren des Menschen sucht und diese zu ihrem Ursprung und zu ihrem Ziele verfolgt – wir wollen ihn deshalb hier den „Fährtensucher“ nennen.

⇒ Weiterlesen in Teil III: Besinnung


1 Die Konfrontation des modernen Menschen mit einer gleichsam erhabenen und bedrohlichen Natur schildert beispielsweise Algernon Blackwood in seinen eindrucksvollen Erzählungen.

2 Der allegorische Schwarze Monolith, der den urzeitlichen Menschen in einem Schritt zum Herren der Erde beförderte, bleibt wohl eine Idee der Science-Fiction.

3 Vgl. hierzu den Brief Tolkiens an Milton Waldman, abgedruckt im Vorwort zu Christopher Tolkiens Ausgabe von The Silmarillion.

4 Oswald Spengler liefert in seiner Schrift Der Mensch und die Technik eine eindrucksvolle Deutung vom Ursprung und Wandel dieser Beziehung.

5 Ernst Jünger, Der Waldgang, Frankfurt 1951.

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