Zornige Romantik – Teil II

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ZORNIGE ROMANTIK

“Black Metal” als lebendiger Ausdruck europäischer Musikkultur

⇒ Teil I


II.


Von Außenstehenden wird die Black Metal Subkultur meist zuvorderst mit dem Satanismus in Verbindung gebracht. Eine solche Wahrnehmung ist jedenfalls berechtigt, besteht doch ein großer Teil der Selbstdarstellung und Ikonographie der Musik aus invertierten Kreuzen, Drudenfüßen, Kerzenlicht und gehörnten Tierschädeln. Nicht zuletzt leisteten hier die norwegischen Vorreiter der „zweiten Welle“ des Black Metal in den frühen 90er Jahren ganze Arbeit, indem sie mit Brandstiftung an mehreren Kirchen und entsprechend plumper Darstellung in den Medien auf sich aufmerksam machten. Tatsächlich steckt hinter jener Symbolik und Selbstdarstellung jedoch in den wenigsten Fällen ein tatsächliches kohärentes Glaubenssystem, wie es für den „Satanismus“ ohnehin niemals existierte. Trotzdem ist nicht zu verkennen, dass Text und Stil im Black Metal von Anfang an Ausdruck einer gewissen „arkanen“ Geistigkeit waren. Theoretische Ansätze gibt es allerdings nahezu so viele wie verschiedene Musikgruppen und das „spirituelle Spektrum“ reicht von aggressiver Ablehnung jedweder christlicher Symbolik (z.B. Burzum, Graveland) bis hin zu komplexer synkretischer Esoterik (z.B. Funeral Mist, Deathspell Omega).

Teuflische Vereinfachung

Zu oft wird dabei verkannt, dass sich auch unter jenen Pionieren der frühen 90er Jahre kaum eine wirklich konsequente Verwendung „satanistischer“ Begrifflichkeiten finden lässt und diese teilweise sogar aktiv abgelehnt wurden. Das wegweisende Werk De Mysteriis Dom Sathanas der Norweger Mayhem trägt zwar noch den Namen des großen Gegners im Titel, dieser taucht in den Texten jedoch kein einziges Mal mehr auf und weicht stattdessen der Todessehnsucht und morbiden Fantastik des jungen Texters, der bereits drei Jahre vor der Veröffentlichung seiner Musik auf wenig ästhetische Weise Selbstmord begangen hatte. Zudem machten die jungen Musiker dieser Zeit eher durch eine paramilitärische Vorbereitung auf den dritten Weltkrieg oder militante Angriffe auf McDonald’s Lokale auf sich aufmerksam, als durch wahrhaft spirituell motiviertes Handeln.1 Die überschäumende destruktiv-jugendliche Energie dieser Tage als „Satanismus“ auszulegen, würde die grobe Vereinfachung eines subkulturellen Phänomens bedeuten, dessen Wurzeln weit tiefer reichen als zu pseudo-spirituellen Geschäftsmodellen eines Anton LaVey.

In den allermeisten Fällen bleibt die „satanistische“ Symbolik im Black Metal somit nicht mehr als ästhetische Spielerei und dient vor allem als Verbildlichung einer anti-christlichen, anti-modernen Grundhaltung, verbunden mit einer Vielzahl anderer Inhalte. Als symptomatisch dürfte folgende Textstelle aus dem Stück „Ancient Pride“ der griechischen Gruppe Necromantia gelten: „You came and slaughtered Odin / You came and murdered Zeus / Our gods became your Satan / And Satan became our god“ – „satanistische“ Ikonographie als trotziger Widerstand gegen einen universalistischen Machtanspruch jüdisch-christlichen Glaubens in Europa (knapp tausend Jahre zu spät). Hier klingt auch bereits eine weitere Facette dessen an, was den geistigen Hintergrund der Subkultur ausmacht und weitaus mehr als der oberflächliche „Satanismus“ als echter moralischer Imperativ der Musik wahrgenommen wird: Ein grundlegendes Misstrauen nämlich gegenüber der modernen Welt und all ihren Symptomen, sowie die Idealisierung entrückter Orte, Zeiten und Vorstellungen.

Ästhetischer Widerstand gegen die Moderne

Als „Wurzel allen Übels“ wird dabei nahezu durchgängig die christliche Religion bzw. Moral und ihr hebräischer Hintergrund identifiziert und deshalb nach allen Regeln der Kunst angegriffen, verlacht und geleugnet. Stellvertretend hierzu erneut Necromantia: „You brought the faith of slavery / You crowned the king of slaves / You raped and spoiled our beauty / But conquered not our hearts“. In logischer Konsequenz endet diese Kritik jedoch nicht an den spirituellen Grenzen des Christentums sondern richtet sich gegen alles, was als „moderner“ Ausdruck einer säkularisierten christlichen Moral empfunden wird: Dazu gehören der universelle Materialismus ebenso wie die Entfremdung von Natur und Tradition, sowie in letzter Konsequenz die egalitaristische Ideologie des westlichen Liberalismus. Die Formulierung und Verarbeitung dieser Kritik variiert innerhalb der Subkultur stark in ihrer Art und Tiefe, ist jedoch stets von ähnlichen Begrifflichkeiten und ästhetischen Entscheidungen geprägt.

So vielfältig wie die thematischen Ausrichtungen der einzelnen Musikgruppen sind auch die Gegenentwürfe, welche die Subkultur zum erlernten Trott des Zeitgeists zu bieten hat. Besonders auffällig und wohl hauptverantwortlich für die abschreckende Wirkung der Musik sind zunächst die hasserfüllte Aggression und Stilisierung von Gewalt, mit der zahlreiche Interpreten ihre Ablehnung gegenüber jenem ausdrücken. Man will sich nicht mit der Opferrolle abfinden und diese beklagen, sondern vielmehr selbst zum Angriff übergehen oder bestenfalls zum Vernichtungsschlag ausholen gegen das, was seinerseits als schamloser Angriff auf die eigene Seele und Identität wahrgenommen wird. Dazu wird der spirituelle Gegner mit Gift und Galle bespuckt, die überfüllten Großstädte mit Vernichtungsfantasien überzogen und der dekadente „letzte Mensch“ im Kriegsschauspiel mit seiner rohen, blutigen Natur konfrontiert. In der Musik spiegelt sich diese ungeschliffene Aggression durch primitive Aufnahmequalität, verzerrte elektronische Gitarren, repetitive und disharmonische Melodieführung und ein rasant hämmerndes Schlagwerk, welches an das „Trommelfeuer“ der Schützengräben erinnert. Viele Musiker setzen sich zu alledem mit schwarzer Lederbekleidung, Militärstiefeln, martialischer Gesichtsbemalung und Patronengurten in Szene – entscheidend ist eine Ästhetik der Unnahbarkeit, Gewaltbereitschaft und Überlegenheit. Man ist sich seiner Außenseiterrolle bewusst, versucht diese gar gezielt zu verfestigen und sich mit Verachtung von der Masse abzuwenden.

Eine solche „negative Grundhaltung“ ist in der Musik praktisch omnipräsent, wird jedoch nur von Außenstehenden auch wirklich als negativ, bedrohlich und abschreckend empfunden. Für denjenigen, der sie sich zu eigen gemacht hat, ist sie vielmehr ein willkommener Schutzschild und Bekräftigung der eigenen Identität durch elitäre Abgrenzung. Es wäre sogar grundlegend falsch, den Black Metal auf jene Negativität zu reduzieren. Diese gehört zwar stets zum Stil, ist jedoch nur in seltenen Fällen Selbstzweck und echter Inhalt der Musik. Viel bedeutsamer sind hingegen die zahlreichen Formen des „Eskapismus“ (im durchaus positiven Sinne2), welche die Musiker als ideologische wie ästhetische Zufluchtsorte und Gegenentwürfe zum modernen Alltag erschaffen. Durch die elitäre, abschreckend Weise des Vortrags sollen diese Orte der Zuflucht vor dem „unbefugten Zutritt“ Außenstehender geschützt und so verhindert werden, dass die zutiefst verachtete Masse sie zu ihrer Domäne erklärt.

Flucht in die Entrückung

Allem voran geht dabei eine durchdringende Idealisierung der Natur als von menschlicher Dekadenz unbefleckter Raum. Forciert wird hier insbesondere die bedrohliche Erhabenheit der Landschaften, wie sie für Mittel- und Nordeuropa typisch sind. Alben-Cover sind geprägt von urwüchsigen, düsteren Wäldern, titanischen Gebirgen, kargen Winterlandschaften und nebelverhangenen Mooren in prägendem Schwarz-Weiß-Kontrast. Werke von Künstlern wie Caspar David Friedrich, Gustav Doré oder Albert Bierstadt werden oftmals direkt verbaut oder als Vorbilder herangezogen. Auch durch Text und Musik wird jener erhabenen Natur Tribut gezollt. Besungen wird die Konfrontation des Menschen mit den ihn ewig überragenden Naturgewalten, wobei die stiltypische „Wand“ aus verzerrten Gitarrenriffs als musikalische Verbildlichung von Sturm, Eis und Donner dient.

Einen zeitlichen Gegenpol zur unbehaglichen modernen Gegenwart findet die Subkultur vorwiegend in der Vergangenheit. Vor allem das abendländische Mittelalter, die nordische Wikingerzeit oder die südliche Antike stehen dabei, je nach Herkunftsland der Musiker, Pate für Symbolik, Sprache und Musik. Doch auch zahlreiche andere Epochenabschnitte europäischer Geschichte werden als Vorbilder fruchtbar gemacht, wobei hier ebenfalls die dunklen und bedrohlichen Aspekte der Geschichte in den Vordergrund gerückt werden. Krieg, Pest und exzentrische Herrscherfiguren wie Marquis de Sade, Elisabeth Báthory oder Vlad Țepeș prägen die Lyrik zahlreicher Musiker, welche sich selbst gerne mit altertümlicher Bewaffnung vor verfallenen Ruinen in Szene setzen. Gotische Schlösser, Tempelruinen sowie Runen- und Frakturschrift bilden dazu das ästhetische Fundament. Mit dieser Idealisierung der Vergangenheit einher geht auch eine Begeisterung für archaisches Denken und Spiritualität, welche teilweise zur regelrechten Besessenheit und Sektenbildung entartet. Von großer Bedeutung ist dabei insbesondere die niedere Mythologie der germanischen, slawischen und hellenischen Völker. Alb, Werwolf, Valkyre, Vampyr und Succubus sind Dauergäste in Text und Symbolik des Black Metal, aber auch in der höheren Mythologie finden Angehörige der Subkultur die Zeugnisse einer Welt, welche im staubigen Alltag des 20. Jahrhunderts erstickt zu sein scheint. Die Ausflüge in das Glauben und Fühlen vergangener Geschlechter enden dabei auch nicht an den Grenzen Europas, sondern reichen teilweise bis nach Mesopotamien, Ägypten oder Indien. Letztlich ist in dieser Faszination für alte Götter, Dämonen und Symbole auch der Kerngehalt des eingangs erwähnten „Satanismus“ zu finden, welcher in den meisten Fällen lediglich eine mehr oder weniger wirre Verflechtung dieser spirituellen Traditionen darstellt und keine wirklich authentische Glaubenstradition bildet. Entsprechend vielfältig sind auch die unterschiedlichen Auslegungen, die sich hinter diesem Etikett verbergen.

⇒ Weiterlesen in Teil III


1 Einen authentischen Einblick in die Dynamik dieser Zeit bietet der 2008 erschienene Dokumentarfilm Until the Light Takes Us von Aaron Aites und Audrey Ewell.

2 Mit J.R.R. Tolkien: „Warum einen Mann verachten, wenn er aus einem Gefängnis auszubrechen versucht, um nach Hause zu gehen? Oder wenn er, weil ihm das nicht gelingt, an anderes denkt und von anderem redet als von Gefängniswärtern und Gefängnismauern?“

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