Zornige Romantik – Teil III

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ZORNIGE ROMANTIK

“Black Metal” als lebendiger Ausdruck europäischer Musikkultur

⇒ Teil I   ⇒ Teil II


III.


Wer sich auch nur ansatzweise mit dem Auf und Ab europäischer Geistesgeschichte in den letzten 300 Jahren beschäftigt hat, dem wird schnell auffallen, dass jene Thematiken in ihrer Darstellung und Verflechtung alles andere als neu sind. So ist es vor allem eine bestimmte Epoche des 19. Jahrhunderts, welche praktisch sinnbildlich für die Idealisierung von Natur, Vergangenheit, Emotionalität und den Rückzug in verschleierte Traum- und Fantasiewelten steht und damit schon vor knapp 200 Jahren einen kraftvollen Widerstand gegen den erbarmungslosen „Fortschritt“ der Moderne formulierte: die Romantik. Auch die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten der menschlichen Psyche nahmen die Romantiker, allen voran Ernst Theodor Hoffmann, bereits vorweg und schufen mit der Kategorie der Gothic Fiction bzw. Schwarzen Romantik ein unmittelbares Vorbild für die düster-arkane Ästhetik des Black Metal.

Von dort geht der direkte Weg über den Symbolismus (insb. Edgar Allen Poe und Charles Baudelaire) hin zur Weird Fiction (insb. Howard Philips Lovecraft) und zum Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts. Eine aggressiv-polemische Kritik der christlich-sklavischen Moral und den Wegweiser zum Übermenschen formulierte bereits Friedrich Nietzsche in formvollendeter Weise. Auch die zutiefst esoterische Auseinandersetzung mit antiker Geistlichkeit und europäischer Tradition war bereits durch Akteure wie Blavatsky, Schuler, Klages oder Evola zu schillernder Blüte getrieben worden, bevor zum ersten Mal eine verzerrte Gitarrensaite angerissen wurde. Als letzter Ausdruck jenes „romantischen Impulses“ kann auch die neue Mythologie von John R. R. Tolkien betrachtet werden, mit welcher dieser seiner Muttersprache und dem europäischen Mythos noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein literarisches Denkmal setzte.

Konservative Revolution in der Populärkultur

Alles in allem kann deswegen mit Fug und Recht gesagt werden, dass der Black Metal keinesfalls als völlig losgelöste Form jugendlicher Popkultur anzusehen oder nur unter den besonderen Bedingungen der westlichen Post-Moderne denkbar wäre. In ihm formiert sich vielmehr zum wiederholten Male ein rebellischer Geist, welcher den egalitaristisch-materialistischen „Fortschritt“ der westlichen Zivilisation nicht als Befreiung des Individuums, sondern als rücksichtslosen Angriff auf die Seele seiner Völker wahrnimmt und diese Entfremdung nicht wehrlos über sich ergehen lassen will. Ein Ausbrechen dieses Impulses können wir vom Sturm und Drang bis zur Konservativen Revolution in Deutschland immer wieder in den verschiedensten Formen verbuchen.1 Auch wenn der Black Metal als zeitgenössischer Subkultur-Stil niemals eine Bewegung bilden wird, die im selben Maße wie seine Vordenker der europäischen Kulturgeschichte ihren Stempel aufzudrücken vermag, so hat er doch dafür gesorgt, dass jener rebellische Geist in einem nicht zu verachtenden Teil der europäischen Jugend erneut wirksam gemacht wurde. So ist der Angehörige der Subkultur einerseits Romantiker, wenn er sich aus Verachtung über die Verfallserscheinungen seiner Zeit in entrückte Gegenwelten rettet, um dort Kraft für einen tätigen oder jedenfalls emotionalen Widerstand zu schöpfen. Er ist jedoch auch ein exzentrischer Expressionist, der für den Ausdruck seiner Empfindungen extreme und formverzerrende, teils entartete Formen wählt, um damit seiner inneren Zerrissenheit und aufgezwungenen Entortung Ausdruck zu verleihen. Seine bevorzugte Form ist dabei das Groteske, in dem sich hässlicher Zorn und träumerische Sehnsucht verbinden. Seine „Epoche“ ist das Fin de sciècle des 20. Jahrhunderts.

Über das emotionale Erbe, das sie mit ihrer rohen Kunstform antreten, sind sich viele Musiker bereits seit geraumer Zeit bewusst geworden. Schon früh finden sich daher in vielen Texten direkte Zitate und Bezüge zu Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, allen voran Nietzsche, Lovecraft und Tolkien, dessen Werk teilweise als Grundlage für ganze Musikprojekte wie die österreichischen Summoning diente. Doch die aktive Rückgebundenheit des Black Metal endet nicht bei diesen, auch heute noch stark rezipierten Autoren. Eine weitere Gemeinsamkeit mit der Epoche der Romantik liegt nämlich in der nach und nach immer stärker hervorgetretenen Besinnung auf lokale Tradition und Kultur. Mit dieser war auch eine Wiederentdeckung der Muttersprachen verbunden, welche zunehmend das ansonsten stilprägende Englisch verdrängten. Auf diesem Weg bildeten sich in den 90er Jahren zahlreiche „nationale Schulen“ in Europa, welche einen eigenen Stil zu pflegen anstrebten und dabei die eigene Sprache und kulturelle Tradition in den Vordergrund ihrer Konzeption rückten. Prägend waren und sind hier insbesondere die Schulen Norwegens, Finnlands, Deutschlands, Frankreichs, Polens, der Ukraine und Griechenlands. Aus diesem Grund hat heute vor allem der europäische Black Metal einen besonderen Reichtum an verschiedenen Formen und thematischen Schwerpunkten zu bieten, in denen sich Eigenart und Gemeinsamkeit der europäischen Völker spiegeln.

Erbe und Identität als Gegenkultur

Zur Veranschaulichung dieses bedeutsamen Phänomens sollen hier einige Beispiele solcher „identitär“ ausgerichteter Projekte genannt werden: Vor allem in Norwegen hat die Betonung des nordischen Erbes insgesamt einen hohen Stellenwert und wurde bereits von Pionieren wie Enslaved, Ulver oder Windir deutlich hervorgehoben. Besonders hervorgetan hat sich hier außerdem der Bergener Ørjan Stedjeberg mit seinem Projekt Taake. Dieser widmete seiner Heimat Bergen bzw. Hordaland einen dreiteiligen Alben-Zyklus, dessen Texte konsequent in lokalem Dialekt verfasst und ausschließlich in der nordischen Runenreihe abgedruckt sind. In Deutschland sorgten vor allem die berüchtigten Absurd mit ihrer Vertonung bzw. schelmischen Verballhornung deutscher Volkslieder und Gesänge des 19. und 20. Jahrhunderts unter dem Titel Grimmige Volksmusik für Aufsehen. Aus jüngerer Zeit sind außerdem die süddeutschen Lunar Aurora zu nennen, welche ihr letztes Album Hoagascht vollständig in mittelbairischem Dialekt konzipierten und damit dem grimmigen Charakter ihrer alpinen Heimat ein musikalisches Denkmal setzten. Großen Aufwand in der Gestaltung betrieb außerdem die Gruppe Helrunar, welche bisher eher auf die nordische Mythologie als Inspirationsquelle gesetzt hatte, mit der Scheibe Niederkunfft jedoch auf ihren Heimatboden zurückkehrte, um sich dort mit den geistigen und körperlichen Schrecken des 16. und 17. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. Mehrere Texte sind dabei in Frühneuhochdeutscher Sprache und Orthographie abgefasst und handeln von religiösem Verfolgungswahn, barocker Vanitas oder den Verheerungen des Dreißigjährigen Krieges, inklusive einer Vertonung von Andreas GryphiusThränen des Vaterlandes“. Aus Frankreich ist vor allem die Ausnahmeerscheinung Peste Noire hervorzuheben, welche in einem unverwechselbar grotesken Stil die schrägen Seiten ihres gallisch-fränkischen Erbes zelebrieren. Ihr Repertoire reicht dabei von der Vertonung mittelalterlicher Lyrik und Chansons über Verarbeitungen von Gedichten Verlaines und Baudelaires bis hin zur Neuinterpretation von Gesängen der Action Française.

Die britischen Inseln sind im Black Metal ab den 90er Jahren zwar eher unterrepräsentiert, jedoch machen insbesondere die keltischen Völker immer wieder mit interessanten Musikprojekten auf sich aufmerksam. Die wohl verdientesten Pioniere dieser keltischen Spielweise sind dabei die Iren von Primordial. Wo andere Musiker auf früh-historische oder mythologisierende Inhalte setzen, haben sich die Dubliner ganz und gar der unverschleierten Härte europäischer und insbesondere irischer Geschichte im 20. Jahrhundert und deren Bedeutung für die Gegenwart verschrieben. Für den besonderen Wiedererkennungswert sorgt dabei der markante Gesang des Frontmannes Alan Averill und der irische Charakter der Musik wird unterstrichen durch Vertonungen von William Butler Yeats oder traditionellem Liedgut wie dem elegischen „The Foggy Dew“. Als abschließendes Beispiel, dieses Mal aus slawischen Gebieten, dürfen die ukrainischen Drudkh nicht unerwähnt bleiben. Diese haben ihr musikalisches Schaffen voll und ganz der international weniger beachteten Lyrik und Geschichte ihres Heimatlandes gewidmet. Der größte Teil dieser umfangreichen Diskographie besteht aus Vertonungen ukrainischer Poesie des 19. und 20. Jahrhunderts, wobei neben deren Klassiker Taras Shewchenko auch zahlreiche moderne Dichter wie Oleh Olschytsch oder Jurij Klen zu Worte kommen. Abgerundet wird dieses Gesamtkunstwerk durch die sparsame Einflechtung traditioneller Musikinstrumente und ästhetische Gestaltung durch Werke slawischer Maler und Grafiker.

Rebellion und Tradition

Die konsequente Besinnung auf das Eigene im Black Metal erstreckt sich nicht nur auf Lyrik und Ästhetik. Auch in ihren musikalischen Formen hat sich die Subkultur in den 90er Jahren zunehmend von ihren Wurzeln im Heavy Metal und Hard Rock entfernt und so längst die Grenzen pop-kultureller Musik gesprengt. Ein simpler Wechsel von Strophe und Refrain bei drei bis vier Minuten Spielzeit pro Stück findet sich seitdem kaum mehr. Viel stärker tritt stattdessen eine Orientierung an klassischer Orchestermusik hervor und einzelne Alben ähneln heute in ihrem Aufbau deutlich mehr romantischen Symphonien oder Tondichtungen als Rock’n Roll oder Blues Platten. Die Länge der Kompositionen wuchs auf Kosten der Titelanzahl enorm an: zehn- bis fünfzehnminütige Stücke sind mittlerweile keine Seltenheit mehr und vereinzelt werden bis zu dreißig Minuten Spielzeit pro Titel erreicht. Ein Stück beginnt dabei oft mit einer charakteristischen Exposition und folgt im weiteren Verlauf einem oder mehreren Leitmotiven, die durch Abwechslung und Verflechtung mit kürzeren stilistischen Unterbrechungen für ein ansteigendes und gefühlsbetontes Hörerlebnis sorgen. Die Musik verlangt dabei meist die volle Konzentration des Hörers ab und besteht nicht selten aus so vielen übereinandergelagerten Instrumenten und Melodien, dass sich erst bei mehrmaligem Hören alle Facetten des Klangbilds erschließen. Dabei bildet die stilprägende Instrumentierung aus zwei elektronischen Gitarren, Bass und Schlagwerk zwar noch immer den Kern jenes Klangbildes; zahlreiche Musiker erweitern dieses Repertoire jedoch durch den Einsatz traditioneller akustischer Instrumente und verschiedener Synthesizer, die z.B. zur Simulation von Streichern oder Orgeln dienen. Auch in Rhythmik und Melodieführung orientierten sich bereits Vorreiter wie die norwegischen Emperor und Ulver bewusst an klassischer oder volkstümlicher Musik, weshalb heute von vielen Musikern eigene stilistische Bezeichnungen wie „Symphonic Black Metal“ oder „Folk Black Metal“ geführt werden.

Die Liste solcher und ähnlicher Beispiele ließe sich hier noch lange fortsetzen. Deutlich erkennbar sollte jedenfalls sein, dass sich zahlreiche einflussreiche Musiker der Black Metal Subkultur nicht damit begnügen, bloße pubertäre Triebe zu befriedigen, sondern ernsthaft bemüht sind, echte Traditionslinien durch ihre Musik fortzuschreiben und damit aktiv zu einer authentischen europäischen Musikkultur beizutragen, die sich im Angesicht massenhafter Bagatellisierung der Kunst zu behaupten weiß. Und „Tradition“ ist in diesem Zusammenhang tatsächlich der entscheidende Begriff! Es gilt auch weiterhin das vielzitierte Diktum Thomas Morus’, dass als Tradition „nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme“ zu verstehen sei. Dieser Maxime wird der Black Metal in unseren Augen gerecht: Die Musik dient einerseits als Griff in die Vergangenheit und holt aus allen Ecken unseres kulturellen Gedächtnisses schillernde Formen und Ideen hervor. Andererseits bildet die Subkultur auch eine Brücke in die Zukunft, da sie jene Elemente der Vergangenheit nicht lediglich konserviert, sondern deren innersten Gehalt in neue Formen gießt und ihnen eigene Schöpfungen an die Seite stellt. So wird die romantische und dekadente Lyrik zum Vorbild einer eigenen Auseinandersetzung mit dem post-modernen Zeitgeist, europäischer Mythos zum Leitbild für neue Formen der Spiritualität und die grausamen Wirren der Geschichte zur Grundlage eines ganzheitlichen Menschenbildes, das dessen Hässlichkeit und Unvollkommenheit nicht aus den Augen verliert.

⇒ Weiterlesen in Teil IV


1 Die strukturelle Nähe zum Denken der Konservativen Revolution hat bereits Alex Kurtagić mit seinem Essay Black Metal: Conservative Revolution in Modern Popular Culture nachgewiesen.

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