Zornige Romantik – Teil IV

zornige-romantik-2

ZORNIGE ROMANTIK

“Black Metal” als lebendiger Ausdruck europäischer Musikkultur

⇒ Teil I   ⇒ Teil II   ⇒Teil III


IV.


Echte Tradition im vorgenannten Sinn endet dort, wo eine Kunstform das lebendige Weiterreichen der eigenen Flamme verlernt und stattdessen beginnt, sich nur mehr aus sich selbst heraus zu speisen und sich so Stück für Stück selbst aufzehrt. Ein solches Schicksal wird nur allzu vielen zeitgenössischen Musikstilen zuteil, wenn der Mainstream beginnt, sie vor seinen Wagen zu spannen und Kapital aus ihnen zu schlagen. Dann wird deren innere Vielfalt und Unvollkommenheit auf wenige, leicht zu konsumierende Begrifflichkeiten und glatte Stilmerkmale eingedampft, welche dann bis zum Erbrechen repetiert und ausgeschlachtet werden. Zurück bleibt eine leere, unfruchtbare Hülle dessen, was zuvor noch als Nährboden für Verfeinerung und Evolution des Stils hätte dienen können. Will der Black Metal also auch weiterhin jene echten Traditionslinien fortführen, denen er sich verschrieben hat, so muss er sich stets die Frage stellen, ob auch in ihm noch genug lebendiges Feuer brennt oder er nicht bereits zum Schlachtvieh der medialen Herdentreiber geworden ist.

Ist Optimismus Feigheit?

Unter Anhängern der Subkultur gehörte insbesondere im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ein gewisser Pessimismus hinsichtlich der eigenen Vitalität regelrecht zum guten Ton. Immer wieder wurde da die Behauptung bemüht, der Black Metal sei „tot“ und seine Meuchler vor allem unter den Musikern zu finden, welche zuletzt unheilige Allianzen mit den großen Massen-Produzenten eingegangen waren und dadurch die Essenz der Musik verraten hätten; gänzlich vergangen sei die „gute alte Zeit“ der frühen 90er, als die Subkultur noch wahrhaft subversive Kraft entfaltet hätte. Und in der Tat sind diese Behauptungen insofern gerechtfertigt, als die Black Metal Subkultur heute wahrhaftig nicht mehr ihren Zustand zu Beginn der „zweiten Welle“ widerspiegelt: Längst besteht sie nicht mehr aus einem kleinen Kreise eingeschworener Musiker und Produzenten, sondern zählt weltweit zigtausende Projekte, welche das Etikett des „Black Metal“ in der ein oder anderen Weise für sich beanspruchen.1 Längst haben sich die Vertriebswege von „Tape-Trading“ und heimlich ausgefüllten Bestellscheinen hin zu digitalen Veröffentlichungen und weltweitem Versand verlagert. Längst können nur noch die allerwenigsten Musiker und Hörer von sich behaupten, „von Anfang an dabei gewesen“ zu sein. All dies kündet jedoch in meinen Augen gerade nicht vom schleichenden Tod der Subkultur, sondern ist ganz im Gegenteil Zeugnis ihrer andauernden Lebendigkeit.

Wäre der Black Metal niemals über ein Stadium jugendlicher Rebellion und chaotischer Energieentfaltung innerhalb kleinster Kreise hinaus gekommen, hätte er mit zunehmendem Alter auch nie dem erbarmungslosen Zugriff der Massen widerstehen können (wie es z.B. dem Punk Rock ergangen ist). Der entscheidende Grund für das nunmehr jahrzehntelange Überleben der Subkultur war von Anfang an die Vielfalt ihrer Ideen und die Selbstständigkeit der einzelnen Interpreten. Nicht die ständig anwachsende Diskographie weniger altgedienter Gruppen oder das ewige Repetieren bestimmter Formen bedeuten das lebendige Überdauern eines Stils. So wie menschliches Leben und Tradition sich in jeder Generation neu erschafft und erst auf diese Weise echte Kontinuität erzeugt, waren auch die vielen Generationen an jungen Musikern, welche den Stil durch eigene Ideen und Schwerpunkte fortbildeten, maßgeblich für das Bestehen des Black Metal verantwortlich. An dieser Stelle könnte auch die äußerst missverständliche Phrase bemüht werden, dem Black Metal gehe es um „Individualismus“. Mit einer liberalistischen Befreiung des Einzelnen aus den Bindungen von Zeit, Raum und Schicksal hat die Musik in der Tat sehr wenig zu tun; von Anfang an forderten die Musiker der Subkultur jedoch von sich selbst und von einander ein hohes Maß an „Individualität“, d.h. die Konzentration auf einen eigenen Stil, welcher jeweils für sich als kräftiger Bestandteil einer gemeinsamen dissidenten Vision wirken sollte.

Zeugnisse lebendiger Musikkultur

So lassen sich noch aus jüngster Zeit zahlreiche Beispiele für Projekte finden, die durch eine einzigartige Vision weiter zur Verfeinerung und musikalischen Präzision des Stils beitragen: Aus tschechischen Landen machten vor einigen Jahren Cult of Fire mit ihrem atmosphärisch dichten Erstlingswerk auf sich aufmerksam und legten kurz darauf einen fulminanten Nachfolger vor, der sich in aufwendiger Gestaltung mit der hinduistischen Tradition, insbesondere dem obskuren Kali-Kult, auseinandersetzt. Die Musik ist geprägt von der tschechischen Sprache sowie eindringlichen Melodien, verwoben in vielschichtigen Kompositionen. Besondere Aufmerksamkeit verdient dabei die jüngste Veröffentlichung mit dem Titel Čtvrtá symfonie ohně („Vierte Symphonie des Feuers“), mit der die Gruppe eine musikalische Ehrerbietung an zwei große Flüsse ihrer Heimat darbringt. Der Moldau (tschechisch „Vltava“) huldigen die Musiker durch eine beeindruckende Übersetzung von Bedřich Smetanas gleichnamiger Tondichtungen in die Klangwelt des Black Metal; mit einer eigenen, gefühlvollen Komposition ehrt man zudem den längsten Strom der Slowakei, die Waag (slowakisch „Váh“).

In Norwegen taten sich 2014 zwei „Veteranen“ der Black Metal Szene anlässlich des 200 jährigen Jubiläums des Kieler Friedens und norwegischer Souveränität zusammen, um durch ein eigens zu diesem Anlass komponiertes Set an Musikstücken ihren Teil zu den nationalen Feierlichkeiten beizutragen. Das 2014 uraufgeführte und 2016 unter dem Namen Skuggsjá (“Schattenschau”) veröffentlichte Projekt verschmilzt auf organische Weise traditionelle nordische Musik mit Elementen des Black Metal als Repräsentant moderner skandinavischer Musikkultur. Sowohl in altnordischer Sprache als auch in zeitgenössischem Norwegisch behandelt die zugehörige Lyrik verschiedene Ideen und Motive der skandinavischen Geschichte und beabsichtigt damit, ein „Spiegelbild“ der nordischen Seele zu erschaffen, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart, Tradition und Moderne zu einem harmonischen Ganzen fügen.

Im Zuge dieser Erläuterungen wollen wir außerdem auf das Schaffen zweier junger Musiker aus dem niederländischen Utrecht aufmerksam machen, die im Juni 2016 unter dem Namen Grey Aura ihr Debüt mit dem unkonventionellen Titel Waerachtighe beschryvinghe van drie seylagien, ter werelt noyt soo vreemt ghehoort vorlegten. Mit diesem über 80-minütigen Werk beabsichtigen die jungen Künstler, die Geschichte der letzten Polarexpedition des niederländischen Seefahrers Willem Barentsz am Ende des 16. Jahrhunderts zu erzählen. Zu diesem Zweck haben sie nicht nur ein knappes dutzend herausragender Musikstücke in atmosphärischer Spielart des Black Metal aufgenommen, sondern verbinden diese zudem mit aufwendigem Sounddesign sowie professionell vorgetragenen Dialog- und Monolog-Szenen zu einem komplexen Gesamtkunstwerk, welches in einzigartiger Weise die Geschichte von Abenteuer, Entbehrung und Patriotismus der niederländischen Entdecker vorträgt. Das Werk wird physisch abgerundet durch ein 60-seitiges, gebundenes Büchlein mit eigens angefertigten Illustrationen und Prosa zur Musik. Mit einer Veröffentlichung von solchem Gewicht beweisen die Niederländer, welche stilistische Reife der Black Metal heute, 30 Jahre nach seiner ersten Entfaltung, erreicht hat und welch lebendige künstlerische Kraft noch immer in den Untiefen der Subkultur schlummert.

Monochrome Vielfalt

In allen bisher genannten Beispielen dürfte bereits angeklungen sein, was ich als eine der entscheidenden Qualitäten betrachte, die maßgeblich zur fortdauernden Schöpfungskraft des Black Metal beiträgt. Diese besteht nämlich in den erstaunlich vielfältigen Beziehungen und Querbezügen, welche die Musik zu anderen Stilen und Kunstformen unterhält. Erstaunlich deshalb, weil ein gewisser Purismus hinsichtlich der musikalischen Qualitäten unter Anhängern der Subkultur äußerst verbreitet scheint. Dieser zieht seine Berechtigung vor allem aus der strengen und elitären Selbstbetrachtung, welche jede Öffnung nach außen als potentielle Gefahr für die Essenz der Musik, die ja gerade in ihrer Abgeschiedenheit und abschreckenden Ausdrucksform zu finden ist, erscheinen lässt. Trotzdem ist offensichtlich, dass die Musiker der Subkultur von Anfang an mit zahlreichen künstlerischen Einflüssen experimentierten und gerade die Vielfältigkeit der einzelnen Projekte zur Anziehungskraft der Musik beitrugen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass bis heute immer wieder neue Ideen und Spielweisen in die Musik eingeführt werden, ohne dass ernsthaft zu behaupten wäre, ihre Authentizität sei dabei verloren gegangen.

In musikalischer Hinsicht am nächsten stehen dem Black Metal dabei die anderen „extremen“ Spielweisen des Heavy Metal, die sich teilweise gleichzeitig und vom selben Ursprung her entwickelten. Diese sind vor allem der Thrash Metal, Death Metal und Doom Metal. Gemeinsam ist all diesen Stilen vor allem die düstere oder aggressive Ausdrucksform, wobei deutliche Unterschiede vor allem in Melodik, Ästhetik und lyrischen Inhalten zu erkennen sind. Die Übergänge sind hier jedoch fließend und Vermischungen und Querbezüge der einzelnen Spielweisen so ubiquitär, dass Außenstehenden eine Differenzierung nicht selten schwer fällt. Eigens ist dem Black Metal jedoch spätestens seit den 90er Jahren die enge Verbundenheit mit klassischer und volkstümlicher Musik, die hier bereits angesprochen wurde. Vor allem diese Einflüsse haben maßgeblich zur Alleinstellung und stilistischen Verfeinerung des Black Metal beigetragen und auch die Selbstdarstellung der Subkultur nachhaltig beeinflusst.

Martialische Dichtung – heroische Ästhetik

Musikalisch etwas ferner, dafür ästhetisch und thematisch umso näher stehen dem Black Metal deshalb vor allem zwei andere junge Formen europäischer Musik, die sich etwa im selben Zeitraum wie jener herausbildeten, jedoch auf etwas anderen Subkulturen gründen: Neofolk und Martial Industrial. Auch diese Stile schöpfen aus der vollen Tradition abendländischer Musikkultur und verleihen dieser vor allem durch den minimalistischen Einsatz von Synthesizern und Samples einen zeitgenössischen Charakter. Der Neofolk stellt sich dabei noch deutlicher als der Black Metal in die Tradition von europäischer Volksmusik, Dichtung und Literatur und kann mit Fug und Recht als die wohl authentischste Fortsetzung dieser Traditionen in der modernen Populärkultur gelten. Im Martial Industrial konzentriert man sich hingegen eher auf die kriegerischen und heroischen Seiten dieses Erbes und haucht den tragischen Monumenten europäischer Geschichte für Momente neues Leben ein.

Die enge inhaltliche und ästhetische Verwandtschaft mit dem Black Metal führt dazu, dass diese Subkulturen mittlerweile eine beträchtliche Schnittmenge sowohl auf Seiten der Musiker als auch ihrer Anhänger aufweisen und sich deshalb immer stärker gegenseitig beeinflussen. Beispielhaft hierfür steht das richtungsweisende deutsche Projekt Sagittarius, welche unter der Regie des ehemaligen Black Metal Musikers Cornelius Waldner zahlreiche Werke deutscher und englischer Dichtung vertonten und nebenher auch eine akustische Coverversion des Black Metal Klassikers „Transilvanian Hunger“ vorlegten. Bekannte Größe des Martial Industrial ist zudem das schwedische Duo Arditi, die u.a. mit ihren Landsleuten von Marduk zusammenarbeiteten, um deren brachiale Gitarrenmusik durch ihre finster-monumentalen Klangbilder zu unterstützen. Auch hinter dem Projekt Kreuzweg Ost steht mit Michael Gregor ein einflussreicher Musiker des österreichischen Black Metals, welcher bestimmend in Gruppen wie Abigor und Summoning mitwirkte.

Vom Auswuchs zur Wurzel

Teilweise gehen die Bezüge der Musik auch weit über die Stil-Grenzen des Black Metal hinaus. So hat dessen Affinität für dichte und hypnotische Atmosphäre z.B. dafür gesorgt, dass zahlreiche Berührpunkte mit dem Post Rock bzw. Shoegaze entstanden sind, welche vor allem dort zutage treten, wo die Selbstbezeichnung „Depressive Black Metal“ für eine besonders melancholische Spielweise der Musik gewählt wird. Zu großer Bekanntheit gelangten vor allem die französischen Alcest, deren kreativer Kopf Neige am Ende der 90er Jahre noch zusammen mit dem Exzentriker Famine das o.g. Projekt Peste Noire begründet hatte. Bald darauf trennten sich jedoch die Wege der beiden und jener machte seine Musik zum Ausdruck romantisch-fantastischer Traumwelten, wobei sein Stil deutliche Parallelen zum verträumten Shoegaze entwickelte. Auch die ukrainischen Drudkh experimentierten bei ihrem Werk A Handful of Stars mit Einflüssen aus dem Post Rock und kollaborierten daraufhin sogar mit dem Franzosen Neige, um dem dort gefundenen Stil unter dem Namen Old Silver Key ein ganzes Album zu widmen.

Obwohl man sich seit Mitte der 80er konsequent von seinen Wurzeln in der klassischen Rockmusik entfernt hatte, ist zudem seit einigen Jahren eine bemerkenswerte Rückbesinnung auf eben diese Wurzeln zu erkennen, welche zu einer partiellen Wiederbelebung des Psychedelic Rock im Dunstkreis der Black Metal Subkultur geführt hat. Verantwortlich hierfür waren insbesondere die niederländischen The Devil’s Blood, welche durch ihre Rückschau auf die Musik von Roky Erickson, Black Sabbath oder Coven in Verbindung mit dezidiert esoterisch-okkulten Inhalten erneut rege Begeisterung für jenen Stil unter Anhängern des Black Metal geweckt haben. Fortgesetzt wird diese Marschrichtung z.B. von der eigensinnigen schwedischen Gruppe Ghost oder den jungen deutschen Path of Samsara.

Diabolus Ex Machina

In besonderem Maße beachtenswert sind außerdem die immer wieder auftretenden Begegnungen von Black Metal und elektronischer Musik. Nun hatten bereits Mayhem für ihre legendäre Demo-Kassette Deathcrush den deutschen Pionier synthetischer Klänge Conrad Schnitzler um einen musikalischen Beitrag gebeten (siehe „Silvester Anfang“) und auch Fenriz von Darkthrone ist seit langem für seine Tätigkeiten als DJ in Oslo bekannt. Zudem gehören synthetisch generierte Zwischenspiele spätestens seit Celtic Frosts To Mega Therion oder Beherits Drawing Down the Moon zum festen Repertoire zahlreicher Black Metal Interpreten. Trotzdem blicken viele Anhänger der Subkultur auch heute noch eher mit gerümpfter Nase auf die zahlreichen Auswüchse der elektronischen Musikstile und die damit verbundenen Jugendkulturen.

Immer wieder ist jedoch zu beobachten, wie diese kühle Distanz überwunden wird, was meist zu einem überaus fruchtbaren Austausch führt. So beweisen beispielsweise die französischen Pavillon Rouge, wie geschickt sich harte elektronische Rhythmen und Melodien mit dem klassischen Klangbild des Black Metal verweben lassen. Zu einer regelrechten Wiederentdeckung der synthetischen Musik in der Subkultur hat außerdem die noch relativ junge Synthwave bzw. Darksynth Bewegung beigetragen. Hier bewegen sich die Einflüsse ausnahmsweise sogar in umgekehrter Richtung. Interpreten wie PerturbatorCarpenter Brut oder GosT versuchen durch ihre Kompositionen, die dystopische Atmosphäre ikonischer Science-Fiction und Horror-Filme der 80er und 90er Jahre einzufangen und bedienen sich dazu auch ästhetischer Elemente des Black Metal, was wiederum damit zusammenhängt, dass die Musiker meist einen entsprechenden musikalischen Hintergrund aufweisen. Als Verbindungsglied zwischen beiden Subkulturen fungiert vor allem die finnische Plattenfirma Blood Music. Auch bei einigen Interpreten der obskuren Witch House Bewegung, die vor allem in Ost-Europa grassiert, sind deutliche Anleihen an Klang und Bildsprache des Black Metal zu erkennen.

⇒Weiterlesen in Teil V


1 Die „Encyclopedia Metallum“, ein digitales Verzeichnis sämtlicher Interpreten im Metal und artverwandten Genres, zählt heute über 29.000 Einträge zum Suchbegriff „Black Metal“.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s