Der Fährtensucher – Teil IV: Dankbarkeit

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DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues

⇒ Teil I   ⇒ Teil II   ⇒ Teil III


Dankbarkeit


Dort, wo wir wieder einen unmittelbaren Kontakt unserer Sinne mit der Natur zulassen, werden wir unweigerlich mit ihrer göttlichen, d.h. überragenden Präsenz konfrontiert. Deutlich werden wir in diesen Momenten des Splitterhaften unserer individuellen Existenz gewahr und erkennen uns als unerlässlichen Teil eines größeren, umfassenderen Seins. Aus dieser Konfrontation folgt ein einzigartiges Empfinden, welches einst zur Grundlage von Spiritualität und Kunst geworden sein muss: der Eindruck des Erhabenen. Auch über diese fundamentale Erscheinung der abendländischen Ästhetik sind bereits unzählige Worte vergossen worden, die hier nicht wiederholt werden müssen.1 Der Kernbestand des Erhabenen lässt sich letztlich mit einem einzelnen Begriff überaus treffend erfassen – der Ehrfurcht. In seiner Gegenüberstellung mit dem Sublimen empfindet der Mensch eine Form der Furcht, d.h. die Erkenntnis seiner Beschränktheit im Angesicht eines Unfassbaren, das nicht seiner Gewalt unterworfen und welchem er schutzlos ausgeliefert ist. Doch ist dies keine Furcht, die von der Hässlichkeit oder Abscheulichkeit ihres Objektes zeugt; vielmehr gereicht sie diesem „zu Ehren“. Sie ist keine unerwünschte, grässliche Angst, die sich vor Kontakt scheut, sondern bezeugt gerade die Größe und Ehrwürdigkeit des Gefürchteten. Das Erhabene ist also dort, wo der Mensch seines schwindenden Zugriffs auf die Natur gewahr wird und sich zur instinktiven Bejahung dieses Zustandes entschließt. In diesem Moment offenbart sich eine durchaus positive Emotion, welche wir hier benennen und näher untersuchen wollen – es ist die Dankbarkeit.

Wille zum Sein

Die Dankbarkeit bedeutet für uns stets einen positiven Bezug nach außen. Sie bezeugt insbesondere ein Geschenk, das uns ohne unser Zutun dargeboten wird und von uns Annahme und Verantwortung verlangt. Dankbarkeit verspüren bedeutet, Lust zu empfinden am „anderen“ Werk und der eigenen Beziehung zu diesem. In der Konfrontation mit dem Erhabenen zeigt sich diese Dankbarkeit in ihrer gesteigerten Form als Demut: Das monumentale Geschenk der Natur an den Menschen besteht im schieren Sein-und-teilnehmen-dürfen an dem, was sich unserem Zugriff völlig entzieht und von solcher grundsätzlicher Gewalt ist, dass wir ihm nur in ehrfürchtiger Verehrung gerecht werden. Dankbarkeit bedeutet auch, dass das Dargebotene so angenommen wird, wie es kommt. Was kann vermessener sein, als der Beschenkte, der das unentgeltlich Zugewendete mit abschätziger Arroganz beiseite legt? Das gilt umso mehr im Verhältnis von Mensch und Natur, das mehr ein Verhältnis von Schöpfer und Geschöpf, als von Meister und Schüler ist. Dass der Mensch der modernen Gesellschaften dieses Verhältnis durch Wort und Technik verschleiert hat, ändert an nichts an seiner ewigen Gültigkeit, die immer dann hervorbricht, wenn sich die menschliche Hybris in Krieg und Aufruhr selbst die Maske vom Gesicht reißt und ihren Herrn verwundbar und schutzlos zurück lässt.

Umso bedrohlicher und überragender sich uns die Phänomene darbieten, desto stärker sind die Faszination und das Gefühl des Beschenktseins mit Leben – die gewaltigste und unerbittlichste Präsenz nämlich ist der Tod. Sein abstraktes Nichts steht stets der konkreten Lebendigkeit unseres Seins gegenüber und wirkt als ewige Mahnung davor, dessen Einzigartigkeit aus Selbstvergessenheit zu leugnen. Als Individuen gibt es für uns nur dieses eine, unaustauschbare Sein, das vor allem durch seine konkrete Verortung in Raum, Zeit und Schicksal bedingt wird und uns so-und-nicht-anders dargeboten ist. Die Vergänglichkeit setzt ihm seine notwendige Grenze und macht es zu einem Geschenk. Nur der Soldat, der sowohl den eigenen als auch den Tod des Vaterlandes zu denken vermag, wird einen Wert in seinem Kampf erkennen. Der mahnende Tod erst adelt den Ritter, der mit selbstbewusstem Lächeln dem Chaos den Rücken kehrt.2 Deshalb ist die Dankbarkeit die größtmögliche Absage an den Nihilismus, der sich aus Zweifel, Missbilligung und Indifferenz speist. Sie formuliert ein unbedingtes „Ja!“ zum Leben in seiner sich offenbarenden Form, ohne sich dabei auf komplexe Rechtfertigungen stützen zu müssen, die letztlich im Reich der sekundären Erläuterungen verbleiben. Wer dankbar ist, will das Sein, wie es ist; das ist sein „Wille zur Macht“!

Amor Fati

Selbstverständlich ist hier nicht von einem universalistischen Konzept der Dankbarkeit im Sinne einer bedingungslosen, allumfassenden Akzeptanz der Um- und Zustände die Rede. Mehr als alles andere muss der jungen Generation die Kraft erhalten bleiben, einen eigenen Weg zu beschreiten und ohne Rücksicht auf Verluste von den ausgetretenen Wegen der vorigen Generationen abzuweichen. Wir konzentrieren uns stattdessen auf das Verhältnis von Mensch und Natur, um damit der Erfahrung des Göttlichen ein Stück näher zu kommen. Dankbarkeit bedeutet hier die Liebe zum Konkreten, Unverfälschten: das positive Verhältnis zu den Formen der Natur, die uns umgeben und unsere Körper und Geister geformt haben; zu den Mythen und Symbolen, die unsere authentische Beziehung zum Kosmos bezeugen; zu eigener Identität und Schicksal, wie sie uns als Erbe unser Vorfahren dargeboten sind.3 Ich meine, dass nur ein stolzer Geist, der diese Dinge schätzen kann, noch zur Begegnung mit dem Göttlichen fähig ist.

Für den Fährtensucher stellt sich womöglich die Frage, an wen er seinen Dank nun richten soll. Es bedarf aber nicht notwendigerweise eines konkreten Schenkenden, um die Dankbarkeit zu einer wirksamen Empfindung zu machen, die uns auf der Suche nach dem Glauben hilfreich sein kann. „Die höchste Gestalt der Liebe ist, so meine ich, die heimliche Liebe“, sagt Yamamoto Jōchō, der Autor des Hagakure, und meint damit, dass die Liebe ihre größte Kraft erst dann entfaltet, wenn sie nicht als profanes Schauspiel nach außen getragen wird, sondern als positive, transformative Kraft nach innen wirken kann. Dann ist sie eine wahrhaft „heilige“ Empfindung, weil sie die Wahrnehmung des Liebenden auf außergewöhnliche Weise prägt und ohne Worte sein Verhältnis zur Welt verändert. In diesem Sinne braucht auch unsere Dankbarkeit kein „Objekt“ in Form eines gütigen Spenders. Mehr noch: gerade die Abwesenheit eines präsenten Schenkenden macht diese Dankbarkeit zu einer so besonderen Erfahrung, da sie nach dem Unsichtbaren greift, das unsere bloß menschlichen Umstände überragt. Die Unbegreiflichkeit der Welt als Diese-und-keine-andere versetzt uns in andächtiges Staunen und fordert Ehrfurcht ein. Wir sollten uns jedenfalls nicht dazu hinreißen lassen, am Grab eines Gottes Dankesformeln auszusprechen, solange wir ohnehin nicht an sein Gehör glauben.

 Dankbarkeit als Ziel

Im Gegensatz zur Besinnung lässt sich die Dankbarkeit nicht in so vielfältigen Formen aktiv einüben. Wer sie in seinem Herzen entdeckt, hat schon die erste Etappe auf dem Weg genommen. Deshalb ist sie für uns wohl mehr ein (Zwischen-)Ziel als der Weg selbst. Auf die konsequente Besinnung, die gleichbedeutend ist mit der Ächtung der verzerrenden und nihilistischen Sprache, wird jedoch zwangsläufig das Moment der Dankbarkeit folgen, solange die nötige Gesundheit vorherrscht, um einen positiven Bezug zum Gegenwärtigen aufbauen zu können. Wir nähern uns diesem Etappenziel, wenn wir fühlen, dass die Natur und unser eigener Platz in ihr keine Selbstverständlichkeiten sind, sondern eine einmalige Gabe, die der Verehrung würdig ist und Verantwortung begründet: Himmel und Erde sind Ergebnis eine schöpferischen Prozesses, der jenseits unseres Zugriffs liegt und in ihnen atmet still der Abgrund der Zeit; jeder einzelne von uns steht am Ende einer in die Nebel der Ur-Geschichte zurückreichenden Kette aus individuellen Schicksalen und Verflechtungen, die keine mathematische Formel zu erfassen vermag. Diesen fast un-denkbaren Dimensionen verdanken wir das konkrete Sein, wie es jeder neuen Generation vermacht und von dieser zu betreuen ist. Aus solcher Erkenntnis fließt Ehrfurcht und der Wunsch, im Einklang zu stehen mit dem Überragenden.

Vitale Zeugnisse für eine gelebte Dankbarkeit in unserem Sinne finden wir in den jährlich wiederkehrenden Festlichkeiten und Riten, durch die der Mensch seine positive Einordnung in die Natur bekundet. Wenn zu Sonnwend lohende Flammen die Gipfel krönen, zum Frühlingsbeginn Maibäume errichtet und Paare getraut werden und das Gedenken der Verstorbenen die Winterzeit einläutet – dann zelebriert der Mensch seinen Platz im Gefüge des Kosmos und strebt durch die symbolische Handlung nach der Einheit mit dem Ganzen. Auch die konstante Entwertung und Verweltlichung dieser Praktiken konnten sie noch nicht ihrer elementaren Qualitäten berauben. Die explizite Formulierung einer Dankesformel ist zwar zu großen Teilen aus jenen Riten verschwunden, klingt jedoch in jeder Faser ihrer Strukturen nach. Deutlicher tritt sie uns in den historischen Formen der Rituale, wie z.B. dem nordische Blót, entgegen und zwar insbesondere dann, wenn mit den Feierlichkeiten ein Opfer in Verbindung steht. Denn welchen größeren Beweis von Hingabe kennen wir als die freiwillige Aufopferung für ein höheres Gut?4

⇒Weiterlesen in Teil V: Verzicht


1 Nicht zuletzt haben sich Burke, Kant und Schiller dieses Phänomens angenommen. Überzeugender als alle Theorie wirkt jedoch die Verkörperung des Erhabenen in der romantischen Malerei und Musik.

2 Albrecht Dürers Darstellung von Ritter, Tod und Teufel bleibt das schönste Zeugnis dieser vornehmen, männlichen Haltung. Dominique Venner hat ihm in seinem Abschieds-Brevier Un samouraï d’Occident einige Zeilen gewidmet und seine Bedeutung für unsere Lage hervorgehoben.

3 Stefan George hat dieses stille Loblied mit seinem Gedicht Hehre Harfe in Verse geformt.

4 Gerade den Deutschen ist diese (zwiespältige) heroische Haltung in Form der „Nibelungentreue“ nur allzu vertraut.

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