Der Fährtensucher – Teil V: Verzicht

der-fahrtensucher-2

DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues

⇒ Teil I   ⇒ Teil II   ⇒ Teil III   ⇒ Teil IV


Verzicht


Ich will noch ein wenig bei dem Bild des Opfers verweilen – wie obskur, schockierend, ja regelrecht anstößig muss das Bild einer solch „sinnlosen“ Handlung auf den kalkulierenden und messenden (maßlosen? vermessenen?) Menschen des materialistischen Zeitalters wirken? Etwas dahingeben, ohne eine bezifferbare, bilanzierbare Gegenleistung zu erhalten? Auf einen Wert verzichten, ohne daraus einen eigenen Nutzen zu ziehen? Ressourcen, Zeit und Arbeitskraft verschwenden an einen unsichtbaren Empfänger? „Bei Ford, welch kapitaler Sakrileg!“ Denn der moderne Mensch, der nur mehr Arbeiter1 und Händler ist, kennt keine Opfer mehr; er kennt nur die „Investition“. Wert ist ausschließlich dort, wo konkreter Nutzen ist. Wo etwas hinein fließt, da muss freilich auch etwas bei herauskommen, im Idealfall mehr als man hineingesteckt hat! Und welcher Gott ist schon für seinen reichen Zinseszins bekannt?

In diesem System, in dem der „Gewinn“ über allen anderen Werten steht – ja mehr noch: solche gar nicht anerkennt und zum bloßen Abglanz seiner eigenen Strahlkraft herabwürdigt – dort wird die Natur zum bloßen Nutzgut, zum Material, zum Bestand. Dort wird auch der Mensch zum Rädchen im Getriebe, zur gleichförmigen Nummer, zur Arbeitskraft, die sich beliebig auf dem Erdball verschieben lässt, je nachdem wo die Maschine gerade Futter benötigt. Der Einzelne geht auf in der Masse, die wiederum nur als Schleuse dient für Waren, Güter, Dienstleistungen, die anschließend aufbereitet und möglichst verlustarm wiederverwertet werden für den nächsten Gang durch die Schleuse. All das unter dem hübschen Etikett des „Konsums“. Eines erfüllenden Sinns jenseits von ziellosem „Fortschritt“ beraubt, werden jene Abläufe zum reinen Automatismus: Was läuft, läuft nur, um am Laufen gehalten zu werden; was stehenbleibt, wird stehengelassen oder abgestellt.

Tyrannei des Objektiven

Wir Fährtensucher sind keine Fremden in diesem Prozess. Wir sind darin hineingeboren und können eine Welt jenseits der Fließbandexistenz nur noch erahnen mit Hilfe von Mythos, Erzählung und Kunst. Die Automatisierung durchzieht unseren Alltag und zwingt uns mehr oder minder stark zur Teilnahme an Konsum, Technik und Rausch. Doch das soll uns kein Hindernis sein. Nicht das Verfluchen unseres Schicksals, sondern die Suche nach alten Fährten und neuen Pfaden bleibt das Ziel. Fest steht aber, dass es in den Fabrikhallen, Kaufhäusern und Finanztürmen keine solchen Spuren zu finden gibt. Im Gegenteil: Sie sind die großen Zitadellen der entsakralisierten Welt, weil sie reines Menschenwerk ohne Bezug zur Natur sind und kein Interesse mehr am Menschen selbst, sondern nur an dessen Verwertung haben.

Die Erfahrung des Göttlichen und Heiligen steht den Abläufen von Arbeit, Konsum und Automatisierung diametral gegenüber. Diesen ist gemeinsam, dass sie ausschließlich einem äußerlichen Moment verpflichtet sind; sie richten sich stets nach einem „Zweck“, der vor allem in der Produktion von Gewinn, Kapital und Wachstum liegt. Diese Sphäre ist schlechthin objektivierend, weil sie allem, Mensch und Erde, einen Nutzen zuweist und es in mathematische Formeln einreiht, deren Ergebnisse nur in den nächsten, komplexeren Formeln liegen. Die Spiritualität hingegen ist das unbedingte Privileg des Subjekts. Der Glaube ist innere Erfahrung, persönliche Prägung, die keines unmittelbaren materiellen Zwecks zur Rechtfertigung bedarf, sondern selbst Sinn und Beziehung schafft. Die „heilige Zeit“ ist der Moment, in dem das Subjekt seine Verbindung zum Sein feiert und in dieser Beziehung einen höheren Gehalt erkennt. Dem profanen Beobachter mag zwecklos und vergeudet erscheinen, was für den Glaubenden das Fundament seiner Wahrnehmung ausmacht – so z.B. die stille Dankbarkeit, die sich im Opfer manifestiert.

Sakrilegien der Moderne

Wir wollen also den Raum unserer Freiheit und das Potential zur Sichtung neuer Wege erweitern, indem wir der Maschinenzivilisation ihren größten Sakrileg entgegenhalten – den willentlichen Verzicht. Wir bringen unser persönliches Opfer, indem wir gezielt in den Komfort des Alltags eingreifen und uns damit Sphären der Bewegungsfreiheit und Autonomie schaffen, in denen wir nicht von Automatismus und Zweckgebundenheit beherrscht werden. Nur in diesen Sphären bleibt Raum und Zeit, um ehrliche, eigene Erfahrung zu begründen und so dem Heiligen ein Stück näher zu rücken. Damit sind wir bei unserer leichtesten und zugleich schwersten Übung angelangt. Leicht, weil der Alltag praktisch unbegrenzte Möglichkeiten bietet, auf Selbstverständliches zu verzichten; schwer, weil uns nichts vertrauter ist als die Gewöhnung an Routine und Gemütlichkeit und der konsequente Verzicht ein erhebliches Maß an Willenskraft und Disziplin erfordert. Dabei bedeutet Verzicht nicht einfach nur ein quantitatives Weniger; auch ein qualitativ Anderes kann uns zu einem Mehr an spiritueller Bereitschaft verhelfen. Hier muss der Einzelne selbst nach Möglichkeiten suchen, die seinem Wesen und seinem Maß an Kraft entsprechen.

Der Verzicht beginnt bereits dort, wo wir uns bewusst von den unzähligen Ablenkungen und austauschbaren Befriedigungen des Alltags abwenden und stattdessen unserer inneren, unverwechselbaren Stimme Gehör schenken. Schon eine kurze Wartezeit, die wir nicht durch den Blick in die digitalen Medien überbrücken, sondern für eine besinnende Handlung nutzen, sei es nur der Genuss von Musik oder die Kontemplation eines eigenen Gedankens, ist ein Gewinn. Überhaupt ist der grelle Flitter der automatisch bindenden Abläufe, welche um die Aufmerksamkeit buhlen und dabei die Seele ablenken, verlenken, zerlenken, in dieser Zeit so dicht, dass schon bei der kleinsten Regung die ersten Fesseln aus Plastik abfallen müssen.

Den besonderen, sanften Terror machen hier die ständige Verfügbarkeit und Selbstverständlichkeit aus, die den Verzicht auf den ersten Blick wie naive Esoterik erscheinen lassen. Gerade daraus erwächst die stetige Versuchung, dem Sowieso und Jederzeit nachzugeben. Der Sieg liegt aber auch nicht im vernichtenden Rundumschlag sondern in der stetigen Rückeroberung eigener Räume der Selbstbestimmung. Wer bedarf heute noch der banalen, beizeiten abstoßenden „Unterhaltung“, die über sämtliche Kanäle sich verbreitet? Warum noch Zeit und Kraft an die Parolen und angeschlagenen Halb- bis Unwahrheiten der Massenmedien vergeuden? Das Verlangen der Viel-zu-Vielen nach billiger Stimulation hat sogar noch die schlechthin sakrale und private Sphäre der Liebe und Sexualität herabgewürdigt zur öffentlich konsumierbaren Romanze und Pornografie. Hier muss angesetzt werden!

Im Kampf gegen das Ohnehin-und-Sowieso

Einen vortrefflichen Raum zur Befreiung bietet auch die Ernährung, weil sich hier unweigerlich die Frage nach dem eigenen Verhältnis zur Natur aufdrängt. Ein Weg liegt in der Auswahl der Nahrungsmittel; ein anderer in der Art ihrer Auf- und Zubereitung. Hier haben sich in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Methoden und Prioritäten herausgebildet, die an dieser Stelle keiner näheren Erläuterung bedürfen. Entscheidend für die Suche nach Sinn und Glaube ist, es kann nicht oft genug betont werden, die verantwortungsvolle Entscheidung des Einzelnen und ihre konsequente Verwirklichung. Noch ein elementares Schlachtfeld, auf dem wir Boden zurückgewinnen und eigene Zitadellen errichten können und müssen, ist die Sprache. Über den Einfluss der (verzerrenden) Sprache auf das Verhältnis zum Göttlichen wurde hier bereits ausgeführt. Ebenso wichtig wie das Bewusstsein für ihre Fallstricke und Stolpersteine ist jedoch ein sicherer Zugriff auf und ein behagliches Wohnen in der eigenen Sprache.2 Verzicht bedeutet hier die Absage an die gezielte Verfremdung und Entwertung der Sprache sowie das Zurückweisen der Kampfphrasen, die von allen Dächern herab geschrien werden; ebenso die Schöpfung eigener Begriffe, das Maßhalten im Gespräch und die Wiedereinsetzung vergessener Umgangsformen. Im Übrigen gehört hierher auch der willentliche Einsatz, die unnachgiebige Übung, das obsessive Verfolgen eigener, ungebundener Ziele: Wer Routine, Komfort, Unterhaltung aufgibt und zurückdrängt zugunsten des Strebens nach höheren Formen des Ichs, lernt Zielstrebigkeit, Bescheidenheit und authentische Beziehung zu Körper und Geist; wer „sein Selbst sich selbst“ weiht und opfert, mag darin verborgene Geheimnisse erkennen und tiefere Sicht erlangen, wie es die Hávamál vom alten Gott Oðinn erzählt.

Verzichten bedeutet schließlich gerade nicht die asketische Abkehr vom Leben. Es ist keine Absage an die Freude, den Rausch, die Eroberung, Beute und Belohnung an sich. Es ist vielmehr die einzige Möglichkeit, in einer überberauschten, übersättigten Welt überhaupt noch Wert im Behaglichen und Zugewendeten zu erkennen. Durch den willentlichen Verzicht gewinnen wir Autonomie zurück, erstreiten das Privileg, selbst über Wert und Unwert der Erfahrungen zu entscheiden, und entziehen uns damit dem mechanischen Zugriff der Konsum- und Maschinenwelt. Ist es nicht sogar denkbar, dass heute nur noch der Verzichtende wahrhaft genießen kann? Und ist nicht der souveräne Genuss des unmittelbaren Seins (mehr als sein unfreies Erleiden) eine Grundbedingung des lebendigen Glaubens, den wir verfolgen?

⇒Weiterlesen in Teil VI: Gestalt


1 Ernst Jünger hat diesen Typus bereits Anfang der 30er Jahre heraufkommen sehen, siehe Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt.

2 Vgl. Martin Heidegger, Unterwegs zur Sprache, Pfullingen 1959.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s