Gedanken zur Identität – II

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GEDANKEN ZUR IDENTITÄT


Teil II


Im Folgenden soll auf den von Alain de Benoist aufgeworfenen Begriff der “Atomisierung”1 des Menschen eingegangen werden: In der chemischen Welt gehen die meisten Atome unter natürlichen Umständen eine Bindung ein und formen Verbindungen. Die Stärke dieser Bindung hängt dabei von den beteiligten Elementen und von der Art der Bindung (ionisch, kovalent oder metallisch) ab. In der organischen Chemie ist vor allem die kovalente Bindung von Interesse, da auf ihrer Grundlage Moleküle aus einzelnen Atomen entstehen. Man spricht hier von intramolekularen Bindungen, welche sich von den intermolekularen Bindungen und Kräften dahingehend unterscheiden, dass Letztere die einzelnen Moleküle (also Ansammlungen von Atomen) untereinander zusammenhalten und dadurch die physikalischen Eigenschaften wie Schmelzpunkt oder Siedetemperatur des Stoffes definieren. Betrachtet man ein Stoffgemisch, dann findet man, dass die physikalischen Eigenschaften zu Mischeigenschaften werden, die maßgeblich von den intermolekularen Kräften beeinflusst werden. Als Trend ist zu verzeichnen, dass diese stärker sind, je ähnlicher sich die Moleküle des Stoffgemisches sind.

Der Chemiker – als Typus des modernen, von Naturwissenschaften und europäischem Umfeld geprägten Menschen, welcher zuweilen als Umwälzer der sozialen Strukturen und als Herold des ungezügelten Individualisierungsprozesses auftritt – kann nun die Bindung im Molekül mit geeigneten Methoden brechen. Es können Molekülteile oder einzelne Atome entstehen, welche als Radikal bezeichnet werden – man könnte von einer Radikalisierung sprechen. Diese hochreaktiven Radikale können im Alleingang Schaden anrichten oder sich mit anderen Radikalen zu neuen Verbindungen rekombinieren. Wie diese aussehen, können vom Chemiker nicht immer vorausgesagt oder gesteuert werden. Die Chemie macht, was sie will.

Und so wird der Individualisierungsprozess in sich selbst ersticken. Es werden sich neue Strukturen auf etablierten Wegen ausbilden, da eine Identifizierung, ein Sich-in-Beziehung-setzen, nicht auf Grundlage der Annahme stattfinden kann, dass Gemeinschaften immer bloß eine Ansammlung von Individuen sind. Denn das Individuum verliert sich im See der Möglichkeiten. Es ist daher sinnvoll, sich ein Schiff zu suchen, das permanenten Halt gewährt2, indem man sich auf das besinnt, was zeitlebens unveräußerlich und unveränderlich ist.

Wenn alle Menschen in ihrem Handeln, Denken und Fühlen individuell und vielfältig sind, braucht es dann nicht gerade diese unveränderbaren Gemeinsamkeiten als Grundlage, damit Einigkeit, Recht, Freiheit und Frieden herrschen kann? Wie kann es einen gemeinsamen demokratischen Willen geben, wenn sich alle Menschen nur in ihrem Streben nach undefinierter Individualität einig sind und nur noch auf ihre Individualität reduziert werden, indem diese zur einzig zulässigen Geisteshaltung ausgerufen wird? In solcher Zeit wird man Menschen als Feinde verfolgen, welche friedlich nach untrennbarer, wertbringender Gemeinschaft fordern.

⇒ Gedankenarchiv

 geschrieben für die Identitäre Bewegung


1 Alain de Benoist: Wir und die anderen, aus dem Französischen übersetzt von Silke Lührmann, Junge Freiheit Verlag, Berlin 2008.

2 Ernst Jünger: Der Waldgang, Klett-Cotta, Stuttgart 2014.

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