Der Fährtensucher – Teil VI: Gestalt

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DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues

⇒ Teil I   ⇒ Teil II   ⇒ Teil III   ⇒ Teil IV   ⇒ Teil V


Gestalt


An dieser Stelle empfiehlt es sich, kurz innezuhalten und auf das Gesagte zurückzublicken: Kern dieser Überlegungen war die Erkenntnis, dass die junge Generation Europas nahezu völlig abgetrennt lebt von stützender und leitender spiritueller Erfahrung und ihr damit eine elementare Kraft fehlt, die für ihren Kampf um das Bestehen im 21. Jahrhundert wohl unerlässlich sein wird. Unser Ziel ist deshalb, zu einem authentisch empfundenen Gefühl des Glaubens zurückzufinden, ohne dabei auf ausgetretenen theoretischen Pfaden zu wandeln, und Strategien zu entwickeln, um die spirituelle Haltung im Hier und Jetzt neu zu erlernen. Als Ausgangspunkt eines authentischen Verhältnisses zum Göttlichen bestimmten wir die Natur. Um die Abtrennung von der Natur durch Wort und Technik zu überwinden und ihr wieder in Ehrfurcht und Dankbarkeit gegenüberzustehen, wählen wir als tägliche Hilfsmittel die Bewältigung der verzerrenden Sprache und die Neubewertung der unmittelbaren sinnlichen Erfahrung. Im Gegenzug trennen wir uns durch disziplinierten Verzicht bewusst von der Welt der materiellen Zwecke und automatischen Prozesse ab und erlangen auf diesem Wege Souveränität zurück. Doch wie lassen sich all diese Schritte zu einer stimmigen Gesamtheit zusammenführen, in der sie gemeinsam klingen und wirken können? Die Antwort auf diese Frage liegt in der Form.1

“Art & Action”

Denken, Schreiben, Sprechen, Abwägen und Theoretisieren liegen mit Sicherheit im Kern jedes schöpferischen Prozesses, der sich auf den Geist als treibende Kraft verlässt. Längst haben jedoch große Männer wie Lord Byron, Ernst Jünger oder Yukio Mishima erkannt, dass erst die Tat den hohen Gedanken adelt. Mishima nennt es in sehnsüchtiger Andacht „die Harmonie von Feder und Schwert“ und will damit sagen: Erst, wenn die tiefe Überzeugung einen ganzheitlichen Ausdruck in der Gestalt ihres Trägers findet, ist das Werk des Künstlers und Kriegers vollkommen. Deshalb: Macht euch zu solchen Gestalten! Nur im Reich der Gedanken zu verbleiben, ohne einen formenden Schritt nach außen zu wagen, provoziert den vernichtenden Widerspruch zwischen Wollen und Sein, der dem glatt geschliffenen Geist, an dem jeder tätliche Versuch, jede fehlbare Äußerung abgleitet, zum Verhängnis wird. Stattdessen gilt es, den brodelnden Gedanken in Handlung und Gestalt schon einen Schritt voraus zu sein. Der konkrete Ausdruck nämlich vermag den Geist weit mehr auszuformen, als dieser sich selbst: „Jede Tat verändert die Seele des Handelnden“ (Oswald Spengler). Nicht der Gedanke an sich lehrt uns, zu lieben und zu verehren, sondern unsere Äußerungen und Gewohnheiten, die „Liturgien“ mit denen wir uns stetig umgeben, prägen unsere innersten Verhältnisse. Gerade der ungeschliffene, wilde und widersprüchliche Wille, der seine letzte, präzise Form noch nicht erkannt oder erdacht hat, muss sich deshalb erst in stimmiger und überzeugter Weise äußern, um so zu Ruhe und Veredelung zu finden: mens recta in formae rectae.

“Runes and Men”

Die Gestaltwerdung beginnt mit der Achtung des Symbols. Selten begegnen wir dem Göttlichen in reiner Form, stets wird es sich verbergen, verhüllt sein, an Zeichen und Dingen haften, die seine Anwesenheit verbürgen. Keine Form des Glaubens, kein religiöses Dogma kommt daher aus ohne das Symbol, das seine ganz bestimmte Art und Weise verkörpert, mit dem Sakralen umzugehen. Hier zeigt sich bereits, in welchem Maße der menschliche Geist nach klar umrissenen, greifbaren Formen sucht, um die Erfahrung des überragenden, nicht-menschlichen irgendwie zu fassen und in seiner Sphäre zu verankern. So offenbart sich das Göttliche nicht nur stets symbolisch, stellvertretend, sondern auch das vom Menschen geschaffene Symbol dient als Annäherung und Hilfsmittel, um den Blick auf das Sakrale zu fokussieren und damit dem Glauben eine konkrete Gestalt zu verleihen.

Unsere Mitwirkung besteht also darin, Symbole zu schaffen oder zur Geltung zu bringen, die das Heilige sichtbar, fassbar und kommunizierbar machen. Die Möglichkeiten hierfür sind vielfältig und viele unserer Vorfahren haben auf diesem Gebiet Vorarbeit geleistet, die von uns fruchtbar gemacht werden kann. Die Natur selbst birgt bereits einen reichen Schatz an Zeichen, die das Göttliche sichtbar machen; Sonne und Mond sind dabei nur die ersten. Die Kraft der Symbole erschöpft sich auch nicht im Zeichen, in der Rune oder im Objekt. Gerade die symbolische Handlung, wie sie noch heute den meisten säkularisierten Riten innewohnt, kann durch ihren ganzheitlichen Anspruch an Körper und Geist einen profunden Effekt auf unsere Beziehung zum Sakralen haben. So wird die regelmäßige Teilnahme an Gottesdiensten und religiösen Feierlichkeiten ein Kind nie ohne grundlegende Prägung zurücklassen, auch wenn der allzu junge Geist noch nicht im Ansatz die Symbole, Worte und Strukturen der Riten zu deuten vermag. Dem Fährtensucher obliegt also die Aufgabe, aus der Fülle der tradierten Symbole auszuwählen, eigene Schöpfungen an ihre Seite zu stellen und sie durch ehrliche Wertschätzung zur Wirkung zu bringen.

“Ganz in Weiß und ganz in Eisen”

Mit dem Symbol, das immer eine Provokation der Sinne in sich birgt, begeben wir uns auf ein weiteres Gebiet, dessen Bedeutung immer wieder missachtet wird – die Ästhetik. Was ist nicht alles gesagt worden über „Oberflächlichkeit“, „Poseure“ und das allgemeine Misstrauen gegen „Schein und Trug“ der Äußerlichkeiten – denn über nichts anderes als die sinnlich wahrnehmbare Qualität eines Menschen oder einer Sache, „Äußerlichkeiten“ eben, reden wir, wenn wir von der Ästhetik sprechen. Und in der Tat ist ein solches Misstrauen gerechtfertigt in einer Zeit, in der die äußere Form zum hohlen Selbstzweck verkommen ist. Die „Mode“ macht den ästhetischen Ausdruck zur periodisch wechselnden, völlig austauschbaren Angelegenheit von Kommerz und gestalterischer Willkür; der virulente Überfluss an kurzlebigen Trends und Subkulturen lässt kaum mehr eine Unterscheidung zu zwischen denen, die ihre Ästhetik zum Ausdruck einer ehrlichen Überzeugung machen, und solchen, die lediglich einen sinnentleerten Abklatsch oder Abglanz ihrer Vorgänger darstellen (letztere sind dabei zweifelsohne in der Überzahl).

Trotzdem, oder gerade deswegen, muss eine Rückeroberung geistiger Inhalte sich immer auch in einer stimmigen, aussagekräftigen Ästhetik niederschlagen. Auch wenn uns das moderne Denken lehrt, lieber in Zweifeln zu verharren als unseren Augen zu trauen, hat unsere Seele nicht die Maße des Schönen vergessen und unterwirft sich wie eh und je ihrem Bann: Kein Argument überredet, wie ein Bild zu überzeugen vermag; das instinktiv Sichtbare, das nicht erst durch das Licht der Sprache offenbart werden muss, besteht, wo Worte verfließen; noch kein Dichter hat es je geschafft, die Schönheit von Mensch und Natur endgültig in Verse zu bannen.2 Kurzum: Die Ästhetik bleibt das Maß unserer Wahrnehmung, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht.

“Return Your Revolt Into Style”

Für uns bedeuten diese Erkenntnisse vor allem eins: Stil und Haltung anzunehmen! Wir machen uns zu ästhetisch überzeugenden Gestalten, wenn wir an uns sichtbar machen, welchen bedrohten und vergessenen, doch deshalb klar begriffenen, harten Typus wir verkörpern (wollen). „Ein Typus mit wenigen, aber sehr starken Zügen, eine Art strenger kriegerischer klug-schweigsamer, geschlossener und verschlossener Menschen“, um es mit Nietzsche zu sagen. Denn unsere Art steht denkbar „ungünstigen Bedingungen“ gegenüber.3 Das 21. Jahrhundert will uns nicht mehr nötig haben, seine Herolde verachten uns und die Masse hat uns vergessen. Doch gerade deshalb können wir durch einen klar erkennbaren, kompromisslosen Stil Verantwortung übernehmen für diese besondere Stellung und so die entscheidende Grenze ziehen, die unsere Art von der gesichtslosen Menge trennt, denn „jede Form, jede Gestalt ist Begrenzung“ (noch einmal Spengler).4

Haltung also, das heißt: eine bestimmte Art, im Leben zu stehen, die sich im Auftreten, in der Handlung, in der Sprache und vor allem in der Konfrontation manifestiert und keine Abweichung duldet – den Dingen gegenüberstehen ohne Furcht und Zauder, dem Schicksal versöhnt und verbrüdert, mit klarem Blick und eiserner Hand. Damit ist unweigerlich auch ein körperliches Moment verknüpft. Eine gesunde und kraftvolle Physis wirkt als Anker im Hier und Jetzt, schafft Präsenz und ist damit ein wertvoller Garant nicht nur für die bestimmte Haltung an sich sondern auch für das beständige Durchhalten. Schließlich werden alle Versuche, eine würdevolle Gestalt anzunehmen und dadurch die Seele zu formen, nur von Erfolg gekrönt sein, wenn sie in Regelmäßigkeit und Disziplin erfolgen. Kein kurzer, schnell verflammter Ausbruch, sondern das unbeirrte Beharren auf wiederkehrenden Formen wird unser Empfinden tief und dauerhaft verändern. Erst dann wird die beseelte Handlung, das begeisterte Schaffen zum Ritus und das beherzte Sprechen zum Gebet.

⇒Weiterlesen in Teil VII: Entlassung


1 Spengler hat es in Jahre der Entscheidung treffend zusammengefasst: „Religion ist das persönliche Verhältnis zu den Mächten der Umwelt, wie es sich in Weltanschauung, frommem Brauch und entsagendem Sichverhalten ausdrückt.“

2 Mit den Worten von William Butler Yeats: „O cloud-pale eyelids, dream-dimmed eyes, / The poets labouring all their days / To build a perfect beauty in rhyme / Are overthrown by a woman’s gaze / And by the unlabouring brood of the skies“

3 Friedrich Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Leipzig 1886, hierzu § 262.

4 Die ursprüngliche Verantwortung für diese Bestimmung des „Wir“ und „Ihr“ verortet Jack Donovan in seiner Untersuchung The Way of Men zutreffend bei den Männern.

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