Zornige Romantik – Teil VI

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ZORNIGE ROMANTIK

“Black Metal” als lebendiger Ausdruck europäischer Musikkultur

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VI.


Warum also all das Gesagte? Warum die Auseinandersetzung mit einer schwierigen und unzugänglichen Kunstform, deren Grenzen heute kaum mehr zu überblicken sind und die niemals eine breite Wirkung im öffentlichen Raum entfalten wird? Der Grund hierfür wurde in diesem Text bereits an mehreren Stellen angeschnitten und ist für denjenigen, der selbst im Umfeld der Subkultur herangewachsen ist, eigentlich selbstverständlich: Es ist die enorme metapolitische Kraft, die der Musik und ihrer Bewegung trotz (oder gerade wegen?) ihrer Abgeschiedenheit innewohnt!

Als „metapolitisch“1 bezeichnen wir Ideen und Unternehmungen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, das „hinter der Politik“ stehende Schlachtfeld der Grundüberzeugungen Stück für Stück zurückzuerobern durch die Einwirkung auf grundlegende kulturelle Übereinkünfte und Lebensweisen, die der Dimension des Politischen vorgelagert sind und diese wesentlich mitbestimmen. Ziel ist die Rückeroberung der „kulturellen Macht“ und gesellschaftliche Etablierung eigener Begriffe und Ideen, ohne dazu erst auf parteipolitischer Ebene in Aktion zu treten. Wer also diese „Lufthoheit über den Köpfen und Herzen der Menschen“ zurückgewinnen will, der kommt heute nicht mehr an den vielfältigen Formen der Populärkultur und deren enormen Einflüssen auf die geistige und emotionale Befindlichkeit junger Menschen vorbei. Jene bestimmen nämlich, von welchen Bildern, Begriffen und Visionen Heranwachsende rund um die Uhr umgeben sind und legen damit auch unweigerlich das Fundament für spätere ethische Überzeugungen und Wertvorstellungen der jungen Generation.

Metapolitik und Populärkultur

Dank des umfassenden medialen Freizeitangebots, mit dem sich Jugendliche heute konfrontiert sehen, sowie der fast vollständigen Erosion von traditionellen Vorbildern und Leitwerten, ist die Macht der Populärkultur über die Herzen junger Menschen heute so groß wie nie zuvor. Auf diesem Felde liegt die „kulturelle Hegemonie“ jedoch eindeutig auf Seiten der amerikanischen „pop culture“ – Musik, Film, Literatur, Sprache und Lebensweisen richten sich in West-Europa, dank erfolgreicher „Reeducation“ der Zivilbevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg, hauptsächlich nach transatlantischen Vorbildern. Zwar hat ab den 90er Jahren die Etablierung der japanischen Jugendkultur im Westen zu einer bemerkenswerten Neuverteilung der Machtverhältnisse und einer allgemeinen Wertsteigerung geführt; weiterhin vernachlässigt bleibt jedoch eine dezidiert europäische Form der Populärkultur.

Dabei kann nicht oft genug betont werden, dass auch hier „die entscheidenden Schlachten von der Seele gewonnen werden“ (Jean Raspail). Keine leblosen Fakten, Statistiken oder wissenschaftlichen Abhandlungen werden auf Dauer geeignet sein, die festgefahrenen und auswendig gelernten Mantras der Moderne aufzubrechen. Es muss vielmehr darum gehen, durch Stil und Ästhetik, also die Vermittlung von Symbolen, Emotionen und Träumen, zunächst wieder Einzug zu halten in das echte, handlungsleitende Empfinden der Menschen.2 Dies gilt insbesondere für den Umgang mit Jugendlichen und Heranwachsenden, die sich noch wesentlich stärker als charakterlich gefestigte Erwachsene auf emotionale und utopische Vorbilder verlassen, um ihren Weg im kulturellen Überangebot des 21. Jahrhunderts zu finden. Diese jungen Europäer müssen dort abgeholt werden, wo sie stehen – in der farbenfrohen Orientierungslosigkeit einer grenzenlosen Konsum- und Spaßgesellschaft.

Rückeroberung des kulturellen Schlachtfeldes

Der Black Metal ist nun tatsächlich im Stande, dies zu leisten. Die Musik zelebriert Natur, Geschichte, Tradition, Emotionalität, Wehrhaftigkeit, Männlichkeit und bietet damit einen scharf formulierten Gegenentwurf zum Wertekanon des westlichen Egalitarismus. Sie nimmt dabei kein Blatt vor den Mund und lässt sich diesen auch nicht durch Massenmedien oder Moralapostel verbieten. Sie ist nicht bereit, sich auf Diskussionen einzulassen und ihre geistigen Fundamente zu zerreden, sondern verteidigt lieber trotzig ihre Zitadelle kultureller Abgeschiedenheit. Trotzdem spricht sie eine Sprache, die der jungen Generation noch vertraut ist, und kleidet sich in Bilder, die ihrer Erfahrungswelt entstammen. Die Identifikation mit der Subkultur bietet Beständigkeit und Zusammenhang inmitten von Beliebigkeit und Austauschbarkeit der medial vermittelten Scheinwelten. Sie leitet das grundlegende Unbehagen, das zahlreiche Heranwachsende an ihrer Umwelt empfinden, in kreative Bahnen und schafft Begriffe und Maßstäbe, um dieses Unwohlsein in Worte zu fassen. Die Musik bietet nicht lediglich eine willkürliche, kommerzialisierte Pop-Identität, sondern verortet sich in konkreter Tradition europäischer Kultur. Ihre Argumente sind die Anziehungskräfte der Kunst: Die wortlose Überzeugungskraft der höchstpersönlichen emotionalen Erfahrung. Auf diesem Wege gelingt es der Subkultur, zahlreiche junge Menschen hervorzubringen, „die sich gezielt der Vermassung und […] dem Machtanspruch der Moderne entziehen“.

Stellvertretend für das, was der Kontakt mit der Musik im Einzelnen auszulösen vermag, stehen folgende Verse aus dem Stück „J’avais rêvé du Nord“ der französischen Peste Noire: „Where I was born the sea reeks of petrol / Under an oxydized sky and a scorching dirty sun / That falls as thick as a straightjacket / Over the company towers […] / Blond with blue eyes, calcinated / Planted in the wrong place / Begging for my legitimate fate / I suddenly had a dream of the North […] / You, Black Metal! Forged in garages at night / Like [a] home-made bomb / Made half from dreams and half from rage […] / You, Black Metal! Suddenly you lent me your wings / Like an immense boreal raven / To tear myself far away, towards nobler citadels!“3

Etiam si omnes…

Ein berechtigter Einwand mag darin bestehen, auf das selbstgewählte Nischendasein des Black Metal zu verweisen und daraus Zweifel an einer breiteren Wirkungskraft der Musik abzuleiten. Dem ist insoweit zuzugeben, als sich die Subkultur naturgemäß nur an einen sehr kleinen Kreis an Rezipienten richtet und deshalb auch unmittelbar nur in kleinen Kreisen Wirkung entfalten wird. Viel wichtiger jedoch als die quantitative Breitenwirkung der Musik ist die Qualität dieser Einwirkung auf das Individuum. Auf dem Felde der metapolitischen Arbeit kommt dem überzeugten und überzeugenden Einzelnen ein enormes Machtpotential zu. Wenn unter hundert Heranwachsenden nur ein Einziger den konsequenten Schritt zum „Ego non!“ vollzieht und diesen mit Integrität vertritt, kann er mit Leichtigkeit zehn weitere auf seine Seite ziehen. Da unter den restlichen Neunzig weithin Gleichgültigkeit und Kurzsichtigkeit vorherrschen, bekommen diese zehn Abtrünnigen ein umso größeres Gewicht. Sie sind es, die durch entschiedenes Auftreten und Festhalten an der gemeinsamen Vision die maßgeblichen Akzente setzen können, um wieder Räume zu schaffen, in denen der unangefochtene Machtanspruch des „Empire of Nothing“ (Jack Donovan) nicht akzeptiert wird.

Der wesentliche Verdienst der Musik liegt dann nicht unbedingt darin, diesen jungen Menschen schon eine durch und durch schlüssige Weltanschauung zu vermitteln oder sie unmittelbar zum kreativen Aktivismus anzuleiten. Vielmehr erzieht sie von Grund auf zu einem kräftigen Maß an Eigensinnigkeit und bietet durch ihre innere Vielfalt zahlreiche Anknüpfungspunkte für widerspenstige Geister, um den persönlichen Horizont über die abgesteckten Grenzen der Massenkultur hinaus zu erweitern; sie bildet gerade den „romantischen Dünger“ (Götz Kubitschek), aus dem die echte, bewegende Tat erwachsen kann.


VII.


Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade das heraufdämmernde 21. Jahrhundert mit seiner enormen Beschleunigung und Ausweitung der technischen Kommunikation dafür gesorgt hat, dass sich der kreative Widerstand gegen die geistigen Verheerungen des Jahrhunderts wieder von der Graswurzel her neu organisiert und immer mehr Einfluss gewinnt. Um dem unerbittlichen Zugriff des Zeitgeists wieder eigene Visionen entgegenzusetzen, muss der geistige Nährboden bestellt werden, auf dem Selbstbewusstsein und Mut zur Souveränität gedeihen können. Dabei kommen Stil und Ästhetik, insbesondere der Musik, entscheidende Bedeutung zu. Mit der Evolution der Stile nehmen auch die Ernsthaftigkeit und das Potential zur Erweiterung des Machbaren zu.

Es gilt, eine Populärkultur zu erschaffen und zu verfestigen, die authentischer Ausdruck europäischer Lebensart ist und aus sich heraus europäische Interessen vertritt; nicht die austauschbaren Formen der Konsumenten-Kultur sollen unsere Identität bestimmen, sondern die Kultur zum Ausdruck unserer unverfügbaren Identität werden. Vorbilder hierfür bietet unser geistiges und kulturelles Erbe in Hülle und Fülle. Hier muss nun ausgewählt, verdichtet und in lebendige Formen gegossen werden, was uns viel zu lange verwehrt blieb. Der Black Metal ist dabei nur ein Stein im wachsenden Mosaik einer selbstbewussten europäischen Jugendkultur und steht keineswegs alleine. Sein Verdienst ist die konsequente Rückbesinnung auf das Eigene und die Wehrhaftigkeit als Tugend. Damit hat sich die Musik ihren eigentümlichen Platz im Gefüge abendländischer Kunst und Tradition verdient und wirkt als lebendiges Zeugnis einer ganzheitlichen Kultur, die sich nicht dem Zeitgeist unterordnet:

Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf“

– Friedrich v. Schiller –


1 Zitate im Folgenden nach Thor v. Waldsteins gründlicher Analyse Metapolitik. Theorie – Lage – Aktion.

2 Vgl. dazu die gesammelten Texte von Alex Kurtagić, erschienen unter dem Titel “Warum Konservative immer verlieren“.

3 Offizielle englische Übersetzung aus dem Französischen.

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