Der Fährtensucher – Teil VII: Entlassung

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DER FÄHRTENSUCHER

Versuch einer Annäherung an Altes und Neues

⇒ Teil I   ⇒ Teil II   ⇒ Teil III   ⇒ Teil IV   ⇒ Teil V   ⇒ Teil VI


Entlassung


Man mag einiges an berechtigter Kritik an dem hier gewagten Versuch vorbringen. Ist die Linie zu vage, noch zu sehr im Begrifflichen verhaftet? Ist die Frage nach dem Glauben überhaupt in so kleinen Kategorien denkbar oder erfordert sie viel größere Zusammenhänge? Wurde überhaupt Neues gesagt? Diese Fragen gebe ich bewusst an den Leser weiter (oder zurück). Weniger als ein Leitfaden, mehr als eine Zündung will dieser Text auf den jungen Geist wirken. Wer vorgekaute Antworten und Versprechungen sucht, der werde anderswo fündig! Einige abschließende Bemerkungen und Wegweiser sind hier jedoch angebracht.

Sicherlich gibt es nicht die eine spirituelle „Realität“, oder die eine richtige Antwort, die man wie eine Nadel im Heuhaufen suchen müsste. Das Göttliche ist nicht irgendwo und müsste nur ausfindig gemacht werden; wir müssen es vielmehr durch eigene Leistung erneut ans Licht bringen. Wir befinden uns nicht auf einer Straße, die an ein gestecktes Ziel führt und nur lange genug verfolgt werden müsste. Frustration, Orientierungslosigkeit und die Sackgasse bleiben unausweichlich Bestandteile unseres verschlungenen Weges. Erst im ständigen Versuchen, im Lernen und Ausweiten des Sichtbaren werden sich neue Antworten zeigen. Nur einen scheinbaren Ausweg bietet dagegen das Asketentum: die Herauslösung aus den widrigen Umständen und Konstruktion eines sicheren Gartens, in dem jede Bedrohung geleugnet oder in fatalistischem Eifer einem unsichtbaren, allmächtigen Gegner zugeschrieben werden kann. Eine solche Abtrennung bedeutet, auch wenn sie aus gerechtem Zorn erwächst, die Flucht vor der Konfrontation und überlässt dem Gegner das Feld, ohne überhaupt den Vorstoß gewagt zu haben. Sicherlich ist die Flucht für jeden von uns verlockend und beizeiten eine heilsame Erfahrung.1 Sie wird jedoch nur dann ihre Berechtigung behalten, wenn wir nach verdienter Erholung auf die Posten zurückkehren, für die uns das Schicksal auserkoren hat, und mit neuer Kraft versehen den Kampf wieder aufnehmen.

Kann nur ein Gott uns retten?

Statt aus Furcht zur Weltflucht überzugehen, wollen wir uns also in der Gelassenheit üben. Der Glaube wird weder in der einfachen Antwort, noch in der einsiedlerischen Abkehr vom Dasein zu finden sein. Bemühen wir uns deshalb, ein seelisches Gleichgewicht herzustellen, das nicht ständig alles auf Spiel setzt, sondern durch andauernde Beständigkeit, Konsequenz und Disziplin in kleinen Schritten zu einem Ziel finden kann. Die Götter werden sich nicht mit Gewalt aus Ihren Grotten und Hainen hervorzerren lassen; welche Anmaßung würde ein solcher Akt der Willkür bedeuten? Wir werden uns Ihrer Anwesenheit nur dann wieder würdig erweisen, wenn wir eine ehrliche Bereitschaft für Ihr Kommen entwickeln.2 Darin liegt die große Aufgabe unserer Generation.

Ziel unseres Suchens ist letztlich das, was Mircea Eliade die „Hierophanie“ nennt:3 die „Offenbarung des Heiligen“ im lebendigen Kontakt mit dem Kosmos; eine Erfahrung, die weder herbei gezwungen, noch durch Worte konstruiert werden kann. Diese höchstpersönliche Besinnung auf das „ganz Andere“, welche uns als automatisierte Monaden einer vollständig entsakralisierten Welt so gänzlich fremd geworden ist, muss allen Formen des Glaubensbekenntnisses erst voraus gehen. Unsere Lage fordert eine im wahrsten Sinn des Wortes „radikale“, d.h. an die Wurzel gehende Auseinandersetzung mit der modernen Welt, bei der auch die Grundbedingungen unseres Empfindens neu ausgerichtet werden müssen. Was unseren Vorfahren als völlig selbstverständliche Strategie anvertraut war, nämlich der instinktive Umgang mit dem Sakralen, muss von uns in einem erheblichen Kraftakt wieder neu erlernt werden. Dieser Prozess wird sich zuerst am Einzelnen vollziehen, wenngleich der Dialog und Austausch mit anderen Suchenden hier ein unverzichtbares Hilfsmittel darstellt.

Das Heilige in der “schönen neue Welt”

Ein Vorbild für unser Streben könnten wir in John the Savage finden, dem Hauptcharakter von Aldous Huxleys utopisch-visionärem Roman Brave New World. Dieser wächst außerhalb der perfekt automatisierten Massen- und Konsumgesellschaft, die Huxley als Schauplatz seiner Geschichte konstruiert, als Sohn einer verirrten weißen Frau unter südamerikanischen Indianern in einer „savage reservation“ auf. Dort wird er ob seiner Andersartigkeit meist brutal von den gesellschaftlichen Ereignissen und Ritualen seiner Altersgenossen ausgeschlossen und muss, völlig auf sich allein gestellt, seine Identität in der rohen Konfrontation mit der fremden und widrigen Umwelt finden. Liebe, Zorn, Zeit, Tod und Gott offenbaren sich ihm anhand von Entbehrung, Schmerz und authentischer Erfahrung:


The moon was behind him; he looked down into the black shadow of the mesa, into the black shadow of death. He had only to take one step, one little jump. He held out his right hand in the moonlight. From the cut on his wrist the blood was still oozing. Every few seconds a drop fell, dark, almost colourless in the dead light. Drop, drop, drop. To-morrow and to-morrow and to-morrow…

He had discovered Time and Death and God.”


Erst durch die beinahe manische Lektüre einer verwitterten Sammlung von Werken Shakespears lernt John schließlich die Worte kennen, die es seinem Geist erlauben, das Erlebte zu benennen und so dem ungezügelten Wüten seiner Empfindungen Form zu verleihen. Und erst als das Schicksal ihn in die „Brave New World“ verschlägt, wo er mit der von Drogen und Konsum berauschten, völlig entindividualisierten und jeder Gefahr und Lebenskraft beraubten Zivilisation konfrontiert wird, lernt der „savage“ die entscheidende Bedeutung jener grundlegenden Dimensionen des menschlichen Seins kennen.

Wie könnten wir uns nicht wiedererkennen in diesem „Wilden“? Als angewiderte Bewohner der tatsächlichen „schönen neuen Welt“ bleibt uns nichts anderes übrig, als seine Schritte zurückzuverfolgen und dabei durch den Morast der austauschbaren, profanen Alltäglichkeiten zu waten, um an der Wurzel des Lebens vielleicht wieder dem Heiligen zu begegnen. Sind wir erst an diesem Punkt angelangt, können wir möglicherweise mit dem gleichen Selbstbewusstsein der entsakralisierten Welt jene Worte entgegen halten, mit denen John schließlich den „World Controller“ konfrontiert:


But I don’t want comfort.

I want God, I want poetry, I want real danger,

I want freedom, I want goodness.

I want sin.”


1 Mit J.R.R. Tolkien: „Warum einen Mann verachten, wenn er aus einem Gefängnis auszubrechen versucht, um nach Hause zu gehen? Oder wenn er, weil ihm das nicht gelingt, an anderes denkt und von anderem redet als von Gefängniswärtern und Gefängnismauern?“

2 Im Sinne Martin Heideggers gesprochen; vgl. dazu das Gespräch unter dem Titel „Nur ein Gott kann uns noch retten“ im SPIEGEL Nr. 23/76, S. 193 ff., hierzu S. 209.

3 Mircea Eliade, Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen, Hamburg 1957.

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