Gedanken zur Demokratie – VI

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GEDANKEN ZUR DEMOKRATIE

Fragmente zum Selbstvertständlich-schwerverständlichen


Im Folgenden eine lose Sammlung von Beobachtungen und Gedankengängen zum wohl verbrauchtesten politischen Begriff der letzten Jahrhunderte. Theoretische Grundlagen werden zugunsten von Spontanität und Subjektivität soweit möglich ignoriert. Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. Sarkasmus und Verdrossenheit sind, soweit ersichtlich, zu entschuldigen.


VI. Heutzutage wird gerne das „allgemeine Wahlrecht“, womit vor allem das Wahlrecht der Frauen gemeinst ist, als vornehmstes und schlechthin konstituierendes Element der Demokratie gehandelt und so die historischen Vorläufer der modernen Demokratien gleichsam in arrogantem Narzissmus herabgewürdigt. Denn wenn Demokratie die (relative) Verwirklichung des „Volkswillens“ im Recht der staatlichen Gemeinschaft bedeutet, so ist das gleichwertige Stimmrecht für jeden einzelnen Menschen im Volk bei periodischen Parlamentswahlen keinesfalls die einzige und höchste Form der Ermittlung dieses Willens. Wenn zur Zeit der attischen Polis oder des isländischen Althings dem Familienvater als Oberhaupt der Familie und des gemeinsamen Hausstandes, einer sozialen und wirtschaftlichen Einheit also, das Stimmrecht auf der jeweiligen gesetzgebenden Volksversammlung zustand, so bedeutete dies keineswegs, dass dadurch der Wille von Ehefrau, Kindern und Gesinde keinerlei Einfluss auf die „politischen“ Entscheidungen der Gemeinwesens gehabt hätte oder gar „unterdrückt“ worden wäre. Im Gegenteil war das Schicksal des Familienvaters selbstverständlich untrennbar mit sozialem und wirtschaftlichem Erfolg sowie Ansehen seines gesamten Hausstandes verknüpft und die klassischen Isländersagas liefern uns zahlreiche Beispiele für den enormen Einfluss, den gerade die Ehefrauen und Töchter auf dieses Schicksal ausübten. Durch die enge Bindung des individuellen Status an die Geschicke der gesamten Familie war gerade sichergestellt, dass der Mann bei politischen Entscheidungen gewissenhaft zu prüfen hatte, wie er seine Stimme bestmöglich zur Mehrung von Achtung und Vermögen seiner Familie einsetzen konnte.

Er wurde damit gleichsam zum natürlichen Vertreter der Hausgemeinschaft in politischen Angelegenheiten, was seinem Stimmrecht besonderes Gewicht und erheblich größere Verantwortung verlieh, als dies heute der Fall ist. Wie bitte ist es demgegenüber „fortschrittlicher“ oder „demokratischer“, wenn wir heutzutage alle paar Jahre einem völlig fremden, willkürlich ausgesuchten Menschen unser Stimmrecht in die Hand geben, damit dieser dann im Parlament tun und lassen kann, was er will, „nur seinem eigenen Gewissen unterworfen“ und dabei von unzähligen unsichtbaren Interessen gelenkt wird, während der Mann jener historischen Demokratien die Konsequenzen seiner Entscheidungen, Planungen und Allianzen stets am eigenen Leib zu tragen und sich vor seiner Familie zu verantworten hatte? Wo die Wahlentscheidung heute zur unabhängigen, völlig vereinzelten und meist beliebigen Entscheidung von individuellen Subjekten geworden ist, ging ihr damals zwangsläufig eine wechselseitige Abwägung innerhalb des Familienkreises voraus, womit der Volkswille tatsächlich im Volk und nicht nur im Hirn des Vereinzelten gebildet und geäußert wurde.

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